Sport : Neuer Realismus

Nach den deutschen Hallenmeisterschaften fahren die Leichtathleten mit geringen Hoffnungen zur WM

Jörg Wenig[Karlsruhe]

Die bisherige Hallensaison zeigt, dass die deutschen Leichtathleten bei den Hallen-Weltmeisterschaften Ende nächster Woche in Moskau nicht annähernd so erfolgreich sein werden wie die deutschen Olympia-Teilnehmer in Turin. Während die Funktionäre des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) in den vergangenen Jahren immer wieder unrealistische Medaillenprognosen wagten, sagte Cheftrainer Jürgen Mallow nach den deutschen Hallenmeisterschaften in Karlsruhe am Wochenende: „Wenn es nicht gut läuft, kann es auch passieren, dass wir ohne eine einzige Medaille nach Hause reisen.“ Das sind neue, realistische Töne vom DLV. Allerdings hofft der Trainer zugleich auf bis zu vier Medaillen, wenn es gut läuft. Zwei sind wohl eher wahrscheinlich.

Es gibt nur ganz wenige Disziplinen, in denen deutsche Leichtathleten international mithalten können. Auf zwei Disziplinen wird Mallow in Moskau setzen, wenn es um Medaillen geht: auf das Kugelstoßen und den Stabhochsprung. Ralf Bartels war es, der in Karlsruhe die beste Siegleistung erzielte. Der 28 Jahre alte Kugelstoßer des SC Neubrandenburg stellte mit 21,43 Metern eine persönliche Bestleistung auf und stieß sich auf Rang zwei der Jahres-Weltbestenliste vor. Dennoch schraubte Bartels die Erwartungen nicht hoch. „So eine Weite kann man nicht jeden Tag erzielen.“ Auch die Kugelstoßerinnen haben Chancen: Die erst 21-jährige Petra Lammert (SC Neubrandenburg) bezwang in Karlsruhe mit 19,25 Metern die Olympia-Zweite Nadine Kleinert (SC Magdeburg/18,62 Meter).

Der Stabhochsprung der Männer war bei den deutschen Meisterschaften wieder einmal die Disziplin, in der die Zuschauer den hochkarätigsten Wettbewerb erlebten. Hier gibt es auch keine Nachwuchssorgen. Während Routinier Tim Lobinger (ASV Köln) mit 5,80 Metern Deutscher Meister wurde, sicherte sich mit Fabian Schulze (Salamander Kornwestheim) ein erst 21-Jähriger das zweite Ticket nach Moskau.

Doch während im Stabhochsprung in dieser Saison insgesamt vier Springer die WM-Norm erreichten, gelang dies in vielen anderen Disziplinen keinem Athleten. So wird weder ein Sprinter noch ein 800-Meter-Läufer oder ein Weitspringer in Moskau starten. Deshalb überraschte diese Aussage von Mallow: „Über die Mittelstrecken habe ich gute Rennen mit jungen Athleten gesehen.“ Doch die besten deutschen Mittelstreckler liegen unverändert weit hinter der Weltspitze. Zudem bescheinigte Mallow dem 3000-Meter-Sieger Jan Fitschen (TV Wattenscheid) „ein ganz hohes Niveau“. Er war 7:53,14 Minuten gelaufen. Zum Vergleich: Die Jahresweltbestzeit steht bei 7:33,07 Minuten.

Nach seinem 800-Meter-Sieg in drittklassigen 1:48,34 Minuten sagte René Herms (Asics Pirna) sogar: „Mehr war nicht drin. Ich habe leider zu einer ungünstigen Zeit Urlaub gemacht. Das war nicht gut für das Training.“ Eine professionelle Vorgehensweise sieht anders aus.

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