Neuer Sportdirektor : Matthias Sammer - Bayerns Berserker

Der neue Sportdirektor Matthias Sammer soll Bayern München den Siegerinstinkt einimpfen. Der DFB sucht derweil einen Nachfolger nach seinem Vorbild. Doch die Lücke, die Sammer hinterlässt, ist groß.

von und
Hallo, ich bin der Neue. Matthias Sammer bei seiner Vorstellung als neuer Sportdirektor des FC Bayern München.
Hallo, ich bin der Neue. Matthias Sammer bei seiner Vorstellung als neuer Sportdirektor des FC Bayern München.Foto: dapd

Nach dieser Saison gab es für den deutschen Fußball nicht viel zu feiern (wenn man von den Dortmundern absieht), und es wurde nicht viel gefeiert. Die Vize-Bayern verarbeiten ihr dreifaches finales Scheitern mit dem Rausschmiss ihres Sportdirektors, die deutsche Halbfinal-Nationalmannschaft hat sich schnell in den Urlaub verabschiedet. Siegesfeiern wie nach den fast gewonnenen Turnieren 2006 und 2008 auf der Fanmeile in Berlin gab es diesmal nicht. Matthias Sammer wird sich darüber gefreut haben. Er hat mit seiner Philosophie, aus Spielern „den letzten Siegerinstinkt“ herauszukitzeln, die einstigen Verliererfeste hart kritisiert und als kantig-grantiger Sportdirektor die Nachwuchsarbeit des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) revolutioniert. Nun soll er aus den Bayern als Vorstand Sport wieder das Gewinnen herauskitzeln. Am Dienstag nahm er in München seine Arbeit auf – und kam bei seiner Vorstellung zunächst gar nicht zu Wort.

Zunächst referierten die Bayern-Bosse Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge viele Details ihres Transfer-Coups, bevor Sammer seine Ziele formulieren konnte. „Wir wollen und müssen erfolgreich sein“, sagte er und sprach davon, eine neue „Aufbruchstimmung“ in München erzeugen zu wollen. Zur Mannschaft äußerte er sich lobend – das von ihm vergebene Etikett „hochinteressant“ lässt aber auch auf Veränderungswillen schließen.

Der DFB muss nun eine Lücke füllen, die „unglaublich groß ist“, wie ein Grande des Verbandes zugibt. Die Bayern dagegen müssen sich darauf einstellen, dass der schon als Spieler berserkernde Sammer keine Lücke frei lassen wird. Als Vorstand Sport hat er mehr Macht inne als sein Vorgänger, und mit seiner öffentlichen Präsenz könnte er (der langjährige Dortmunder) die neue Stimme des Vereins werden.

Die Karriere von Matthias Sammer in Bildern:

Die Karriere des Matthias Sammer in Bildern
Hallo, ich bin der Neue. Matthias Sammer bei seiner Vorstellung als neuer Sportdirektor des FC Bayern München.Weitere Bilder anzeigen
1 von 20Foto: dapd
03.07.2012 18:30Hallo, ich bin der Neue. Matthias Sammer bei seiner Vorstellung als neuer Sportdirektor des FC Bayern München.

„Unterschiedliche Auffassungen“ zum Konzept der Zukunft seien der Grund gewesen für die Trennung von Christian Nerlinger, heißt es in München. Im Wort „Konzept“ steckt Hoffnung auf eine wieder titelreiche Zukunft. Sammer hat sich in sechs Jahren beim DFB den Ruf eines Strategen erworben. Ein langfristiges, ganzheitliches Konzept soll er nun beim FC Bayern implementieren. Zuletzt hatte das Trainer Louis van Gaal versucht, scheiterte dabei aber als Trainer – auch an sich selbst. Sammer ist beim DFB großen Konflikten auch nicht aus dem Weg gegangen – etwa mit Bundestrainer Joachim Löw –, sicherte sich aber die Macht des langen Atems.

Auch zwischen Hoeneß und Sammer gab es manche Reiberei. Aber Hoeneß erkannte an, Sammer sei „fachlich top“. Der Präsident träumt schon lange von einem Münchner Spielsystem mit Wiedererkennungs- und Unterhaltungswert; wie es inzwischen Borussia Dortmund hat. In Sammer glaubt er einen Strategen in den Klubvorstand geholt zu haben, der diesen Traum Wirklichkeit werden lässt – und der den Glauben an Titel zurückbringt.

Video - FC Bayern: Sammer bläst zum Aufbruch

Nerlinger war kein Stratege, eher loyaler und bisweilen schwerfälliger Verwalter. Seinen Auftrag bei Amtsantritt 2009, ein neues Jugendkonzept umzusetzen, kam Nerlinger nur zögerlich nach. Gerade erst hat Bayern seine Jugendarbeit neu strukturiert: Mehmet Scholl übernimmt nach zweijähriger Abstinenz wieder die Reserve in der Regionalliga. Jörg Butt ist neuer Jugendkoordinator, Michael Tarnat steht ihm zur Seite.

Sammer hatte 2006 gleich zu Beginn seines Engagements einige Steine umgedreht beim DFB, er ließ die Leistungszentren ausbauen und Spieler auch in ihrer Persönlichkeitsentwicklung schulen. Es sind Ansätze, wie sie die Bosse Hoeneß und Rummenigge von Sammer, dessen 17-jähriger Sohn in einem FCB-Jugendteam spielt, nun auch in München erwarten. Ziel der Strategie dürfte das Prinzip Sammers sein, wonach es in einem Team immer eine ausgewogene Mischung an Kreativ-, Führungs- und loyalen Mannschaftsspielern geben sollte.

Darüber hinaus soll der neue Sportchef die Mannschaft sportlich straffer führen, die die Niederlagen im Saisonfinale nach Ansicht der FCB-Verantwortlichen passiv über sich ergehen ließ. Inwieweit sich Sammer und Trainer Jupp Heynckes bei der Führung der Profis in die Quere kommen werden, ist eine spannende Frage. Auch beim DFB war Sammer kein Freund von Trainer Löw, weil er sich immer wieder lautstark einmischte. Im Verband sahen manche in Sammer eine Art Reservetrainer für unruhige Zeiten. Die könnten nun bei den Bayern anbrechen – und irgendwann auch Debatten über einen Trainer Sammer auslösen. Der schließt das öffentlich aber aus.

Beim DFB sind die Zeiten mit dem Ende der EM bereits unruhig. Der neue Präsident Wolfgang Niersbach, der gerade installierte Generalsekretär Helmut Sandrock und Nachwuchschef Hans-Dieter Drewitz suchen nach einem Nachfolger, der Sammers Arbeit mit dem vorhandenen Nachwuchstrainern fortsetzt und dabei eigene Akzente setzt. Nach Informationen aus Verbandskreisen soll dafür ein ehemaliger Fußballer mit Öffentlichkeitswirkung und strategischem Geschick gewonnen werden. Einer wie Sammer. Einer, der auf die Frage nach einem großen Bayern-Transfer antwortet: „Ich dachte, ich war der Transfer.“

Eine Kopie des Originals zu finden, wird für den DFB schwer. Interne Lösungen bieten sich mit Steffen Freund und Christian Ziege an, aber großes Charisma geht beiden ab. Charakterköpfe wie Stefan Effenberg oder Mehmet Scholl fehlt strategische Weitsicht. Bleibt vielleicht ein Berserker aus Bayern – das wäre Oliver Kahn.

Autor

3 Kommentare

Neuester Kommentar