Sport : Neuer Trainer beim VFB Stuttgart: Bei "MV" stößt Ralf Rangnick auf Skepsis

OLIVER TRUST

STUTTGART .Gerne hat es Gerhard Mayer-Vorfelder nicht zugegeben.Gerade der mediengewandte Präsident des Bundesligisten VfB Stuttgart wandelt Niederlagen vor den Fernsehkameras gerne in Siege um.Diesmal aber mußte er zähneknirschend klein beigeben.Der unbeugsame Vorstand des SSV Ulm 46 hatte seinen Wunschtrainer nicht ohne Widerstand freigegeben.Nicht mal, als der VfB mit dem Scheckbuch wedelte, wurden sie bei dem Zweitligisten schwach."MV" muß auf den wie einen Messias gefeierten Trainer Ralf Rangnick warten - noch ein halbes Jahr lang.In den fast 25 Jahren als Vereinsboß kann sich der 65jährige nur an wenige Situationen erinnern, in denen er sich eine so blutige Nase holte."Es war nicht möglich, ihn gleich zu holen", sagte er und zupfte sich genervt am Hemdkragen herum.Pech für den Taktierer, daß der SSV Ulm ausgerechnet dann, wenn Mayer-Vorfelder in Trainernöten steckt, an der Spitze der Zweiten Liga steht.

Nun wird Ralf Rangnick zwar neuer Cheftrainer bei den Schwaben, aber erst zum 30.Juni 1999.Die Ulmer wollten ihren Trainer halt nicht in der Winterpause gehen lassen und alle Aufstiegshoffnungen aufgeben.Irgendwie werden sie sich später den Verlust trotzdem bezahlen lassen.Eine Ablösesumme kann man auch gut verstecken, in Freundschaftsspielen zum Beispiel.

"Das ist ein Kompromiß, mit dem ich sehr gut leben kann", sagte Rangnick, der in Ulm einen Vertrag bis ins Jahr 2000 besitzt und nun beim VfB einen bis 2001 unterschrieb.Bis zum Wechsel im Sommer fanden die Stuttgarter eine andere Lösung: Amateurkoordinator Rainer Adrion wird die Mannschaft betreuen.

Der Reserveoffizier Mayer-Vorfelder hat in den letzten Wochen oft die Wende geprobt.Er war aus der Übung, weil immer alles nach seinem Kopf ging.Nun mußte ihn der eigene Aufsichtsrat zum Glück zwingen.Der intellektuelle Rangnick war nie ganz sein Geschmack.Und auch Ulrich Schäfer, geschäftsführendes Vorstandsmitglied, gehört nicht zu Rangnicks großen Freunden.Nun muß ausgerechnet dieser Rangnick dem mächtigen Ligapräsidenten aus der Patsche helfen.In Stuttgart seien Rahmenbedingungen vorhanden, die er woanders erst noch hätte schaffen müssen, erläuterte der 40 Jahre alte Schwabe.Beim VfB stand er schon von 1990 bis 1994 unter Vertrag.Nur wollten sie ihn damals nicht zum Assistenten für die Profis machen.Er ging mit viel Wut im Bauch.Noch heute aber arbeitet der gesamte Nachwuchs und Amateurbereich des VfB nach einem von ihm ausgearbeiteten Konzept."Diese Durchgängigkeit bis in den Profikader zu nutzen, ist reizvoll", sagte der Neue.Aber Rangnick stößt nicht nur bei "MV" auf Skepsis.Die ganze abgehalfterte Trainergarde, die sich als "Feuerwehrmann" den Vorruhestand versüßen läßt, reagiert mit Widerwillen auf einen kauzigen Typen wie ihn.Teamchef Erich Ribbeck versuchte ihn jüngst wie einen Schulbub abzukanzeln.Er verkaufe "Binsenweisheiten in einer Form, als wären die Trainer in der Bundesliga Volltrottel".Sir Erich, der jahrelang sein Handicap auf den Golfbahnen der Kanaren verbesserte, hat Rangnick so wenig verstanden wie viele andere.Es ist eben schwer zu begreifen, daß da einer kommt, der die Sache in den Mittelpunkt stellt, selbst wenn er vor laufenden Kameras an der Magnettafel herumwurschtelt und erklärt, wie moderner Fußball aussehen muß: "Ich habe kein Problem damit, wenn der deutsche Fußball so weitermacht wie bisher." Rangnick sieht sich nicht als Heilsbringer oder Erneuerer.Dazu haben ihn andere gemacht."Es ist Aufgabe des Trainers, seine Spielauffassung so zu vermitteln, daß sie die Mannschaft mitträgt", sagte er.Und: "Man muß heute im Profisport keine Drecksau mehr sein."

Nun bekommt er die Chance, seine Qualitäten in Liga eins zu beweisen, und in Ulm muß er keine verbrannte Erde hinterlassen.Es gibt vielleicht die historische Chance, das Märchen zu einem erfolgreichen Ende zu bringen."Ich liebe Situationen in denen es nur Sieger gibt", sagte Rangnick.

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