Neuer Trainer : Lasst uns wieder Bayern sein

Mit den Interimstrainern Heynckes und Gerland wollen die Münchner ihre Saison retten – und das, was von ihrem Verein nach Klinsmann noch übrig ist.

Sebastian Krass[München]
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Endlich Fußball. Nach zwei turbulenten Tagen stand Jupp Heynckes gestern erstmals mit seiner neuen Mannschaft auf dem Platz. Foto:...

Der Wind und die Zettel, das ging nicht zusammen. Aber der Wind war nun einmal da, und die Zettel brauchte Jupp Heynckes, um nachzuschauen, wie er die Plastikhütchen anordnen musste – anders nämlich, als sie Hermann Gerland vorbereitet hatte. Also versuchte Heynckes etwas ungelenk, die flatternden A4-Blätter zu bändigen. Gerland stand daneben und schaute zu. Dann maß Heynckes die Schritte ab, und Gerland dackelte hinterher. Unterdessen liefen die Spieler sich warm. Und dann konnte es endlich richtig losgehen: die erste Einheit des neuen Trainergespanns beim FC Bayern, am Tag eins nach Jürgen Klinsmann.

Drei Stunden vorher hatten Heynckes und Gerland sich, begleitet von Manager Uli Hoeneß, erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Zu Beginn erläuterte Heynckes, wie er am Sonntagabend die Anfrage bekam, bis Saisonende auszuhelfen, und wie er sich mit seiner Frau abstimmte. „Für mich ist es ein Freundschaftsdienst für Uli“, erzählte er. „Meine Frau hat mir gleich zugeraten.“ An dem Punkt hakte Gerland wenig später ein: „Ich brauchte meine Frau nicht zu fragen. Ich muss sie nur dann fragen, wenn ich den FC Bayern verlassen will.“ Dann schweifte er aus, erzählte von seiner fast dreißigjährigen Ehe und dass er sich in diesen modernen Zeiten manchmal „wie ein Aussätziger“ vorkomme, er, der „noch nie tätowiert und noch nie gepierct war und noch nie blaue Haare hatte“. Eigentlich hatte Gerland ja vor, sich nicht groß zu Wort zu melden. Aber es gelang ihm dann auf der großen Bühne doch nicht, die Hermann-Gerland-Show, die er als Chef von Bayerns U23 immer im Kleinen aufzieht, ganz ausfallen zu lassen.

An diesem Punkt sah Uli Hoeneß sich gezwungen einzuschreiten: „Jetzt mal zur Sache: Fußball“, mahnte er an. Nachdem er am Vortag noch hauptsächlich erleichtert gewirkt hatte, war Hoeneß nun strahlend gut gelaunt. „Wir haben versucht, alles in die Waagschale zu werfen, was der Verein hat“, umschrieb er die Übergangslösung. Und die Konstruktion mit dem „alten Kumpel“ Heynckes (63 Jahre) und dem „alten Kämpen“ Gerland (54) gefällt ihm blendend. Der FC Bayern steckt zwar in Not. Aber wenigstens ist das wieder der FC Bayern, den er kennt – sein FC Bayern.

Er berichtete auch, dass am Wochenende viele Namen im Gespräch gewesen seien, auch Paul Breitner und Mehmet Scholl. „Aber dann hätten uns die Leute zurecht vorgeworfen, dass wir nach dem Jürgen wieder einen ohne Erfahrung holen.“ Deshalb darf sich Scholl, der bisher die U13 betreute, erst einmal als Vertreter Gerlands bei der U23 versuchen. „Da kann Mehmet beweisen, dass er mehr drauf hat als lockere Sprüche“, sagte Gerland. Scholl werde schnell erkennen, wie mühsam die Trainerarbeit sei. „Aber wahrscheinlich werde ich die Jungs in besserem Zustand zurückbekommen und eine ganz ruhige nächste Saison haben.“

Vorher aber steht die Rettung dieser Spielzeit an, das Minimalziel ist die Direktqualifikation zur Champions League. Und da will Gerland sich dann wirklich zurückhalten. „Er ist der Chef, er sagt mir, was zu tun ist“, beschrieb er die Aufgabenteilung mit Heynckes. So einfach wird es natürlich nicht laufen. Gerland hat schließlich wertvolles Binnenwissen, das Heynckes fehlt. So deutete der Assistent an, er werde sich insbesondere an die acht Profis wenden, die durch seine Schule gegangen seien. Einzelgespräche und die Arbeit in Gruppen hält auch Heynckes für seine wichtigste Aufgabe, um „die Spieler von den Fesseln zu befreien“. Beim kläglichen 0:1 gegen Schalke seien sie ihm „apathisch“ vorgekommen. Dabei, so sein Credo, „muss Fußball mit Freude und Emotion gespielt werden. Das ist, was ich wecken werde.“ Merkwürdig klang das aus dem Mund dieses Mannes mit der Bürstenfrisur, der immer ein wenig streng und unnahbar wirkte – so ganz anders als der ewig volkstümelnde Gerland. Als seine Hauptqualifikation für den Job führte Heynckes die Erfahrung aus drei Jahrzehnten an: „Ich kann die Situation ganz nüchtern analysieren.“ Er wolle erst einmal „die Spieler kennen lernen, sehen, ob sie aktiv sind und wie sie sich bewegen“. Am frühen Abend dann, nach dem Training, konnte er sich daran machen, die ersten Eindrücke zu verarbeiten.

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