Sport : Neues Nord-Süd-Gefälle

Statt des FC Bayern könnte Werder Bremen bei der WM 2006 die meisten Stammkräfte stellen

Stefan Hermanns[Bremen]

Anfang der Woche hat die Bremer Ausgabe der „Bild“-Zeitung ihrem Lieblingsbundestrainer Jürgen Klinsmann einen weiteren guten Ratschlag erteilt. „Schau mal, Klinsi“, war da zu lesen. „Mit uns steht die Null gegen Südafrika.“ Der Bundestrainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft solle doch einfach Johannes Ibelherr, Dennis Kahl und Bastian Haskamp gegen Südafrika aufbieten. Die drei spielen in der dritten Mannschaft des SV Werder Bremen, und in der vorigen Woche gelang ihrem Verbandsligateam in einem Testspiel gegen die südafrikanische Nationalmannschaft ein 0:0.

Wie immer, wenn die Ratschläge von „Bild“ kommen, hat Jürgen Klinsmann auch diesen Vorschlag einfach ignoriert. Für das Länderspiel im Weserstadion gegen Südafrika (bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht beendet) wurden Ibelherr, Kahl und Haskamp nicht nachnominiert. Aber in Bremen sind sie diese Missachtung schon aus der Vergangenheit gewohnt. Erst vor einem Jahr fühlte sich Werder von Klinsmann auf das Übelste übergangen. Für das Länderspiel gegen Brasilien waren fünf Bremer nominiert worden, doch nur einer, Frank Fahrenhorst, stand dann auch in der Startelf. Werders sportliche Leitung klagte damals, dass ihre Spieler keine faire Chance erhielten und die Stellung des Vereins nicht die entsprechende Würdigung erführe. Immerhin war Werder damals amtierender Meister und Pokalsieger.

„Wir haben uns schon längst ausgesprochen“, sagt Werders Manager Klaus Allofs, und Grund zur Klage besteht auch nicht mehr. Vier Bremer (Torsten Frings, Patrick Owomoyela, Tim Borowski und Miroslav Klose) waren für die beiden Länderspiele in der Slowakei und gegen Südafrika von Bundestrainer Klinsmann nominiert worden – so viele wie von keinem anderen Verein. „Das ist ein Zeichen dafür, dass Werder im deutschen und internationalen Fußball inzwischen eine größere Rolle spielt“, sagt Allofs.

Es ist noch nicht lange her, dass Uli Hoeneß, der Manager des FC Bayern, das Ziel verkündet hat, bis zur WM 2006 möglichst viele deutsche Nationalspieler unter Vertrag zu haben. Davon ist keine Rede mehr, und inzwischen sind die Bremer diesem Ziel fast näher als die Bayern. „Wir wollen möglichst viele deutsche Nationalspieler haben“, sagt Allofs. „Aber die Anzahl allein ist nicht entscheidend.“ Stammspieler sind bei Klinsmann nur Frings und Klose, vor allem Tim Borowski muss trotz guter Leistungen in der Bundesliga immer wieder um die Anerkennung des Bundestrainers fürchten. In der Slowakei war er der einzige Feldspieler, der überhaupt nicht zum Einsatz gekommen ist.

Der Bayern-Block mit Kapitän Michael Ballack und seinem Vorgänger Oliver Kahn ist immer noch der bestimmende Machtfaktor in der Nationalmannschaft; doch je näher die Weltmeisterschaft rückt und je mehr nach einer eingespielten Mannschaft geschrieen wird, desto besser könnten die Chancen der Bremer werden. Ein gewisses Faible für die so genannte Blockbildung ist den Deutschen jedenfalls nicht abzusprechen. Historisch gilt sie als wichtiger Erfolgsgarant. 1954 standen fünf Spieler des 1. FC Kaiserslautern in der Weltmeisterelf, 1972 bildeten Münchner und Mönchengladbacher die Europameistermannschaft, und bei der WM 1974 gehörten gar sechs Bayern-Spielern der Siegerelf an.

„Wenn die Gruppe größer ist, ist das auch kein Nachteil für den Einzelnen“, sagt Bremens Manager Allofs, der in den letzten beiden Jahren drei aktuelle deutsche Nationalspieler verpflichtet hat: Frings, Klose und Owomoyela. „Für die Spieler ist es sicherlich ein Anreiz, zu Werder Bremen zu kommen, wenn sie sich dort im Kreis mehrerer Nationalspieler bewegen.“

Und inzwischen muss man den Verein auch nicht mehr mit der Begründung verlassen, in einem schöneren und größeren Klub bessere Chancen in der Nationalmannschaft zu haben. Es kommt natürlich trotzdem noch vor. „Wir haben das gerade erst bei Valerien Ismael erlebt“, sagt Klaus Allofs über den Franzosen. „Aber das war ja wohl eine Fehleinschätzung.“

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