Sport : Neugier am Ruder

Rutschow-Stomporowski ist eine perfekte Solistin

Frank Bachner

Berlin - Jutta Lau gibt nicht oft auf. Aber manchmal sagt sie: „Darüber muss ich nachdenken.“ Das ist die Kapitulation. Sie demonstriert, wie sie aussieht, wenn sie kapituliert. Der Kopf ist leicht geneigt, ihr Lächeln hat etwas Hilfloses. Sie sitzt gerade vor einem Kaffee an der Regattastrecke in Berlin-Grünau, in diesem Moment hat ihre Mimik auch etwas Spielerisches. Aber wenn sie mit diesem hilflosen Lächeln Katrin Rutschow-Stomporowski gegenübersteht, wird es ernst. Denn die derzeit weltbeste Einer-Ruderin will stets Antworten. Sie will alles wissen, über ihre Leistung, über Taktik, über technische Details, über Mängel im Rennen. Und Jutta Lau, die Ruder-Bundestrainerin, redet dann und redet. Bis sie irgendwann keine Antwort mehr hat. Bis sie in den Satz flüchtet: „Darüber muss ich nachdenken.“

Jutta Lau ist nicht wirklich verärgert, wenn sie das sagt. „Die Neugier zeigt doch bloß, dass sie sich so intensiv wie wenig andere Frauen mit dem Rudern beschäftigt“, sagt die Bundestrainerin. Und das, sagt sie, ist auch der Grund dafür, dass Katrin Rutschow-Stomporowski aus Berlin Weltklasse darstellt. Sie ist in diesem Jahr ungeschlagen, sie hat in Athen die Chance auf den Olympia-Sieg, sie wurde Weltmeisterin 2001 und Vize- Weltmeisterin 2003. Und sie wird sicher heute bei den deutschen Meisterschaften in Grünau (Beginn der Finals: 11.45 Uhr) ihr Rennen gewinnen.

„Leute im Einer sind eigene Typen“, sagt Jutta Lau. Einzelkämpfer, allein mit ihren Schwächen und Stärken. Leute im Großboot können sich bei einem schlechten Tag von anderen mitziehen lassen. Katrin Rutschow-Stomporowski, Solistin seit 1997, sagt: „Man liebt den Einer, oder man hasst ihn.“ Sie liebt ihn. „Ich kann dann Erfolg noch mehr als im Großboot genießen, weil ich allein dafür verantwortlich bin.“ Andererseits kann sie die Schuld an Fehlern und Mängeln nicht auf Besatzungsmitglieder abwälzen. Diese Verantwortung gefällt ihr. Und noch etwas ist wichtig: Solisten im Boot lassen sich besser vermarkten als Mitglieder von Großbooten. Sie hat eine Versicherung als Sponsor. Neben ihr wird bei den Frauen sonst nur noch der Doppel-Vierer finanziell unterstützt.

Seit 2002 trainiert sie jetzt bei Lau. Die frühere Weltklasse-Rudererin gehört zu den erfahrensten Trainerinnen der Welt, trotzdem sagt sie: „Man braucht bei vielen Athletinnen vier Jahre, um sie nach einem Trainerwechsel in Optimalform zu bringen. Da ist ja vieles eingefahren.“ Aber bei Rutschow-Stomporowski hat sie das Gefühl, dass zwei Jahre reichen. Das liegt an der Leidenschaft, mit der die 29-Jährige im Einer rudert. Sie hatte ja auch schon mit dem Doppel-Vierer Erfolg. Mit ihm wurde sie zweimal Weltmeisterin und Olympiasiegerin. Zwischen 1994 und 1996 war das, der Doppel-Vierer galt damals als unschlagbar. In dem Boot hatte man Gold immer sicher. Rutschow-Stomporowski stieg trotzdem um. „Ich brauche eine neue Herausforderung“, sagte sie. Und sie kehrt nicht zurück in den Doppel-Vierer. Jutta Lau, die auch für das Quartett zuständig ist, weiß, dass Rutschow-Stomporowski da beinhart ist. „Wenn ich ihr sagen würde, sie müsste auf den Einer verzichten, würde sie mich, glaube ich, einen Kopf kürzer machen.“

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