Sport : Neun Bahnen suchen Verwendung

In rund drei Jahren steht die modernste Leichtathletik-Arena der Welt in Berlin. Die Frage könnte allerdings bald sein: wozu? Das dann für 473 Millionen DM umgebaute Olympiastadion wird die erste große Arena sein, die mit neun Laufbahnen ausgestattet ist. Damit werden aufgrund der unterschiedlichen Härte der Bahnen Voraussetzungen für Weltrekorde sowohl in den Langstrecken- als auch den Sprintdisziplinen geschaffen. Die Nachfolger von Haile Gebrselassie und Maurice Greene würden jubilieren, eine solche Bahn wäre das i-Tüpfelchen einer Bewerbung für die Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2005.

Zurzeit allerdings sieht es so aus, als ob in knapp vier Jahren niemand mehr weiß, warum dieses Stadion eigentlich eine Bahn mehr hat. Geschweige denn, warum überhaupt 400-m-Bahnen eingebaut wurden - nur für ein Istaf im Jahr? Offenbar fällt auch die Bewerbung um die Leichtathletik-WM dem Berliner Sparprogramm zum Opfer. Der Verzicht auf eine weitgehend privat finanzierte Olympiabewerbung hat erst vor kurzem für wesentlich mehr Unverständnis gesorgt als erwartet.

Wenn der neue Senat nun auch die Leichtathletik-WM kippt, wäre das ein schwerer Schlag für den Berliner Sport. International hätte die Hauptstadt auf absehbare Zeit schlechte Karten bei ähnlichen Bewerbungen. Denn die Ausgangsposition ist in diesem Fall eine ganz andere als bei der Olympiabewerbung. Berlin gilt international als Favorit für diese WM. Diesen Status haben die verantwortlichen Berliner Funktionäre und Politiker in den letzten Jahren in entsprechenden Gesprächen aufgebaut. So hatte beispielsweise erst vor wenigen Monaten der für Sport zuständige Senator Böger eine schriftliche Absichtserklärung gegeben. Jetzt ist mehr nötig als eine Absichtserklärung. Doch die Politiker sind in den Weihnachtsurlaub entschwunden - möglicherweise nicht wissend um die Bedeutung der Sache.

Der Berliner Leichtathletik-Verband braucht eine Zusage über eine Kostenübernahme in Höhe von 25 bis 30 Millionen Mark. Das ist kleines Geld, verglichen mit dem Aufwand von Olympischen Spielen und gemessen am Wert der Veranstaltung für Berlin. Und das Beispiel Edmonton, wo im August die WM stattfand, zeigt sogar, dass einiges von dem Budget wieder zurückkommen kann. Die Kanadier sind die ersten WM-Veranstalter, bei denen am Ende rund sieben Millionen Mark übrig blieben.

Viel mehr wert als diese Summen sind allerdings das Renommee, der Werbewert und mögliche positive wirtschaftliche Effekte für die veranstaltende Stadt. Zehn Tage lang wäre Berlin der Mittelpunkt der internationalen Sportwelt. Aus über 200 Nationen kommen die Teilnehmer und Journalisten - ein Wert, der für eine einzelne Stadt nur noch von Olympia übertroffen wird. Es könnte sich für die Politiker durchaus lohnen, beim Weihnachtsurlaub kurz mal die gewohnten Bahnen zu verlassen.

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