Neureuther gewinnt WM-Silber : Besser als der Vater

Der deutsche Skirennfahrer Felix Neureuther fährt in Schladming im Slalom auf Rang zwei – und bejubelt seine erste Einzelmedaille bei einer Weltmeisterschaft.

Elisabeth Schlammerl
Rasant in die Stille. Die österreichischen Fans wurden bei Felix Neureuthers Slalomfahrt ruhig - ein Zeichen für den deutschen Fahrer, dass er sehr schnell unterwegs war. Foto: dpa
Rasant in die Stille. Die österreichischen Fans wurden bei Felix Neureuthers Slalomfahrt ruhig - ein Zeichen für den deutschen...Foto: dpa

Plötzlich herrschte Stille im Skistadion von Schladming, und daran änderte sich auch nichts, als Felix Neureuther in den steilen Zielhang einbog. Das ist normalerweise kein gutes Zeichen, aber in diesem Fall hätte ihm nichts Besseres passieren können, denn es war das Zeichen für ihn, dass er schnell unterwegs sein musste, schneller als Mario Matt, der Österreicher. „Das war die schönste Stille, die ich jemals erlebt habe“, sagte er. „Ich habe mir gedacht, Leute, seid bloß leise!“ Im Ziel musste er nicht auf die Anzeigentafel schauen, er wusste auch so, dass es geklappt hat mit der ersehnten Medaille bei der Ski-WM.

Es stellte sich nur noch die Frage, ob es Gold oder Silber werden würde, denn oben stand noch Marcel Hirscher, der österreichische Ski-Heroe. Aber dem 28-Jährigen vom SC Partenkirchen war es fast schon egal. Nach Jahren des Wartens, der kleinen und großen Enttäuschungen, ging es nicht um die Farbe der Medaille. Hirscher ließ sich den Sieg nicht mehr nehmen, gewann mit 0,42 Sekunden Vorsprung – und mit der Ruhe war es auch wieder vorbei. „Ein Piefke zwischen zwei Österreichern“, sagte Neureuther, „das rundet diese WM ab.“

Mit der Niederlage kann Neureuther leben, sehr gut sogar. Sie war Befreiung und Erlösung. Überwältigt wischte er sich immer wieder ein paar Tränen aus den Augen. Seit 2003 ist Neureuther bei jeder Weltmeisterschaft dabei gewesen und außerdem bei zwei Olympischen Winterspielen. Manchmal galt er als Außenseiter, manchmal als Medaillenkandidat, aber der große Wurf gelang nie. „Es hat ja schon geheißen, der Neureuther packt es nicht bei Großereignissen.“ So wie sein Vater Christian, der einst einer der besten Slalomläufer der Welt gewesen ist, aber nie eine Medaille gewonnen hatte. „Ich habe schon viele Chancen vertan“, weiß er. „und mit jeder Chance wird der Druck größer.“ Die Erwartungen, die auf ihm ruhten, wuchsen womöglich auch deshalb in die Höhe, weil sein Talent verbunden mit seiner Herkunft als Sohn der Doppel-Olympiasiegerin Rosi Mittermaier ein riesiges Versprechen war. „Nun habe ich das für die Familie Neureuther komplettiert. Das geschafft zu haben ist eine Wahnsinnsgenugtuung für mich.“ Neureuthers Medaille zum Abschluss der WM war die vierte für das Team des Deutschen Skiverbandes. So erfolgreich war die alpine Abteilung des DSV zuletzt 1989 in Vail. „Das ist für mich ein extremes Erlebnis“, sagte Alpindirektor Wolfgang Maier.

Der Slalom war in Österreich zum emotionalen Höhepunkt am Ende der Ski-WM hochstilisiert worden. Die Gastgeber sehnten sich nach dem Titel im Team nach dem ersten Einzel-Gold – und der Verlauf der bisherigen Saison ließ ein Duell mit Neureuther aus dem Land des Lieblingsgegners erwarten. Die beiden besten Slalomfahrer dieses Winters sind auch gute Kumpel, die in den Tagen vor dem Showdown bei der WM noch zusammen trainiert hatten.

Es gab kaum Zweifel daran, dass Marcel Hirscher mit den riesigen Erwartungen der rotweißroten Skination zurechtkommen würde. Er wirkte sehr entspannt, auch am Freitag im Riesenslalom ließ er sich nicht aus der Ruhe bringen und gewann Silber. Anders Felix Neureuther. Er sagte zwar, er habe gelernt aus seinen Fehlern. Aber dann trat beim Riesenslalom wieder der alte Reflex auf, den Erfolg erzwingen zu wollen. Da sei er im ersten Durchgang zu sehr „mit der Brechstange gefahren, aber so funktioniert ein Felix Neureuther nicht“.

Felix Neureuther funktioniert so, wie er in dieser Saison im Weltcup aufgetreten ist. In vier von sieben Slalomrennen landete er auf dem Podest, weil er kein unnötiges Risiko einging und das Limit nicht ausreizte, sondern sichere Läufe zeigte. „Manchmal ist weniger mehr“, weiß er inzwischen.

Nicht alle in seinem Umfeld haben ihm nach dem verpatzten Riesenslalom zugetraut, die richtige Mischung zu finden. Aber Neureuther hat es geschafft. „Ich habe nur versucht, sauber Ski zu fahren“, sagte er, was vermutlich der Schlüssel zum Erfolg war. „Ich bin stolz darauf“, sagte er, „wie ich mit dem Druck hier umgegangen bin.“

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