Sport : Neuseeland regiert die Wellen

Das America’s-Cup-Finale Alinghi gegen Team New Zealand ist vor allem eine nationale Angelegenheit

Ingo Petz[Valencia]

Da sitzen sie, links Brad Butterworth, rechts Dean Barker. Nur getrennt durch das glänzende Objekt der Begierde, um das Alinghis Skipper und Taktiker sowie Neuseelands Steuermann ab heute kämpfen werden – den America’s Cup. Butterworth und Barker kennen sich gut. Vor sieben Jahren standen die beiden Neuseeländer gemeinsam an Bord der neuseeländischen Yacht, der es als erstem nichtamerikanischen Boot gelang, den Cup zu verteidigen. Der damals 27-jährige Barker holte den fünften und entscheidenden Sieg gegen Luna Rossa, Butterworth hatte ihn mit der nötigen Taktik versorgt. Eigentlich war Barker damals nur der Ersatzsteuermann gewesen, aber sein Lehrmeister Russell Coutts hatte ihn in dem ungefährdeten Finalrennen ans Steuer geholt. Nun, bei der letzten Pressekonferenz vor dem großen 32. America’s-Cup-Finale, zollt Butterworth, 48, seinem einstigen Schützling und jetzigem Gegner Respekt. „Dean hat bisher einen tollen Job gemacht. Er hat mich von allen Steuermännern am meisten beeindruckt.“ Beide lächeln, Barker wirkt ungewohnt locker, fast lässig sogar. Nichts deutet auf den tonnenschweren Ballast hin, der auf seinen Schultern ruht.

Denn der Sohn eines Textilunternehmers befindet sich auf einer schwierigen Mission. Als Skipper und Steuermann des Emirates Team New Zealand soll er die Trophäe in den Südpazifik zurückholen, die ironischerweise von eben jenem Butterworth 2003 gegen Neuseeland nach Europa geholt worden war. Wegen interner Querelen nach der erfolgreichen Cup-Verteidigung 2000 folgte Butterworth zusammen mit Coutts und vier anderen neuseeländischen Cup-Verteidigern dem Ruf des Schweizer Milliardärs Ernesto Bertarelli. Der hatte sich vorgenommen, die Silberkanne erstmals seit 1851 nach Europa zu holen. Der schweizerisch-neuseeländische Coup gelang. Zum Entsetzen der Neuseeländer, die die Söldner unter Schweizer Flagge wohl am liebsten ausgebürgert hätten. Zwar waren schon vorher Neuseeländer in anderen Teams unterwegs gewesen, aber mit Coutts und Butterworth gingen ausgerechnet die Helden, die den Cup-Gewinn ermöglicht hatten.

In den Augen ihrer Landsleute hatten sie damit einen Tabubruch begangen. Am anderen Ende der Welt empfindet man den Cup als Symbol dafür, dass man es als kleines Land geschafft hat, in einem Hightechsport Weltklasse zu erlangen und zu definieren. Denn seit ihrer ersten Teilnahme 1987 sind die Neuseeländer die erfolgreichste Cup-Nation, was ihnen eine blühende Bootsbauindustrie und viele Arbeitsplätze im Cup-Zirkus beschert hat. Neuseeland dominiert den Cup-Zirkus wie keine andere Nation. Allein in der aktuellen Ausgabe sind 64 Neuseeländer in zwölf Teams als Segler angestellt. Im heutigen Finale werden für Alinghi sechs Neuseeländer an Bord sein, während es auf der Gegenseite 15 sind. Neuseeland, das sich in der Coutts-Affäre als Opfer der Globalisierung des Profisports sah, profitiert also auch von dieser Globalisierung.

Coutts und Co. waren nach ihrem Wechsel zu Alinghi Beleidigungen und Medienattacken ausgesetzt. Sie galten fortan als „geldgierige Verräter“. Bis heute ist die Stimmung gegenüber den Abtrünnigen alles andere als friedfertig, wenn auch nicht mehr so aufgeladen. Zwar gab es in den vergangenen zwei Wochen noch ein paar Scharmützel zwischen Bertarelli und Neuseeland, aber die waren im Vergleich zu dem massiven Verbalfeuer vor vier Jahren ein Klacks. Teamboss Grant Dalton sagte kürzlich: „2003 war ein hässliches Jahr. Wir befinden uns nicht auf einem Rachefeldzug gegen Alinghi.“

Seine Landsleute dürften das anders sehen. Denn Alinghi wird als das Symbol für die nationale Schmach von 2003 gesehen. Deswegen ist die Hoffnung groß, dass Barker den Cup zurückholt. Dass der Cup auch im Falle eines Schweizer Sieges von Neuseeländern in den Händen gehalten wird, dürfte den Neuseeländern in Neuseeland nämlich kein besonderer Trost sein.

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