Sport : Neustart in Kreisliga B

Ein kubanischer Fußball-Nationaltorwart will in Europa Fußballstar werden

Wieder alles im Griff. Dany Quintero beginnt nach einigen Schwierigkeiten ein neues Leben in Deutschland. Foto: dpa
Wieder alles im Griff. Dany Quintero beginnt nach einigen Schwierigkeiten ein neues Leben in Deutschland. Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa

Berlin - Konrad Enz war bester Laune zum Saisonstart des SV Nollingen vor einem Jahr. Der Abteilungsleiter Fußball hatte für die Herrenmannschaft aus der Kreisliga B endlich die Nachricht empfangen, auf die sie im ganzen Ort schon seit den letzten Frühlingstagen warteten: „Ich habe gerade einen Anruf bekommen: Er darf spielen!“

„Er“, das ist Dany Quintero aus Kuba. Vor fast genau zwei Jahren ergriff der damals 24-jährige am Flughafen Frankfurt am Main die Flucht. Er rannte plötzlich los, ließ alle Mitreisenden und seine Koffer einfach stehen am Gepäckband, er rannte und rannte, durch die erste Schiebetür, die zweite, die langen Flure hinunter, an Polizisten vorbei, rechts, links, überall Menschen mit Schildern, Sterwardessen. Draußen vor dem Terminal wartete auf Quintero ein Kontaktmann im Auto. Schnell, schnell, Türen zu, Vollgas. „Er“, das ist Dany Quintero, bis eben noch Torwart der kubanischen Fußball-Nationalmannschaft.

Rund ein Dutzend seiner Nationalmannschaftskollegen sind in den letzten fünf Jahren geflohen, meist bei Turnieren in Südamerika. Dany Quintero wollte immer schon nach Deutschland. Er hat geträumt. Von der Bundesliga. Von Fans, die ihm zu Füßen liegen. Von Kindern, die sein Trikot tragen. Er will ein Fußballstar werden.

Für Quintero und seine deutschen Kontaktleute beginnt stattdessen ein Albtraum. Sie fahren mit dem Auto über die Landstraßen quer durch Europa. Quintero auf der Rückbank, ohne Aufenthaltsgenehmigung, illegal. Immer wieder zeigen zahlreiche unterklassige Vereine Interesse an ihm, doch keiner ist letztendlich bereit, sich dem persönlichen Schicksal von Quintero anzunehmen.

Anfang 2010 hört Konrad Enz von einem geflohenen Kubaner, Nationaltorwart, der sich irgendwo in Freiburg herumtreibt. Sie treffen sich. Er mag den Jungen. Enz holt Dany Quintero aus dem Asylantenheim und quartiert ihn ein bei einem befreundeten Jurist in Lörrach. Konrad Enz kümmert sich auch um den ganzen Rest. Er bringt Quintero zurück ins Leben. Mittlerweile kann er sich als anerkannter politischer Flüchtling wieder ausweisen, verfügt in Deutschland nun über eine Arbeitserlaubnis für drei Jahre.

Quinteros Visum ließ zuerst einmal nur Freundschaftsspiele zu, und das Verfahren zur Aufenthaltsgenehmigung zögerte sich hinaus. Doch dann, pünktlich zum vergangenen Saisonstart, kam endlich die Nachricht, die Konrad Enz für seinen unermüdlichen Einsatz belohnte. Vor dem ersten Spiel sagte er leise: „Mit diesem Torwart spielen wir in zwei, drei Jahren in der Bezirksliga.“

Dany Quintero hat natürlich ganz andere Pläne, größere. Doch jetzt will er Konrad Enz erst einmal etwas zurückgeben. Der Torhüter des SV Nollingen entfacht einen wahren Zauber, die Mannschaft wächst über sich hinaus und spielt über die gesamte Saison hinweg wie im Rausch. Souverän steht sie am letzten Spieltag auf dem ersten Tabellenplatz und steigt auf in die Kreisliga A.

Sie nennen ihn auch hier in Süddeutschland mit Spitznamen Pulpo, so wie er schon auf Kuba gerufen wurde. El Pulpo, der Krake. Morgens, auf seinem Weg zur Sprachschule, winken ihm die Hausfrauen zu. Wenn Quintero endlich gut genug Deutsch spricht, will er das Lehramtsstudium für Sport fortsetzen, das er auf Kuba bereits begonnen hat. Es geht voran.

Und doch sagt Konrad Enz traurig: „Wenn alles normal läuft, wird er noch ein Jahr bei uns bleiben, dann hat sich das erledigt. Er kann mindestens in der Oberliga spielen – und das sollte er auch.“

Dany Quintero hat ein neues Zuhause gefunden in Nollingen. Er wird noch einmal alles daran setzen, dass der kleine Verein ein weiteres Mal aufsteigt. Und dann wird er ein weiteres Mal alles hinter sich lassen und kann wieder träumen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben