New York : Baseball ist nicht Sushi

Wie ein herausgeputzter Zwilling steht das neue Yankee-Stadion auf der anderen Straßenseite der East 161 Street im New Yorker Stadtteil Bronx, direkt gegenüber dem alten Stadion, das im Verlauf des Jahres abgerissen werden soll. Das neue Stadion spaltet allerdings die Fans.

Anke Myrrhe[New York]

John Baron betrachtet nachdenklich die beiden Hotdogs in seinen Händen. Sauber eingepackt sind sie, in mit blau-weißen Streifen verzierten Pappschachteln, in deren Mitte das weltbekannte Symbol seiner Lieblingsmannschaft prangt: die beiden ineinander verschlungenen Buchstaben N und Y. Zum ersten Mal hat John Baron diese Schachteln für sich und seinen siebenjährigen Sohn im neuen Zuhause der New York Yankees gekauft, das mit 1,5 Milliarden Dollar das teuerste Stadion ist, das in den USA je gebaut wurde. Am 3. April eröffnet, löste es nach 86 Jahren das nach der vergangenen Saison geschlossene, traditionsreiche alte Stadion der Baseballmannschaft ab.

Wie ein herausgeputzter Zwilling steht das neue Stadion auf der anderen Straßenseite der East 161 Street im New Yorker Stadtteil Bronx, direkt gegenüber dem alten Stadion, das im Verlauf des Jahres abgerissen werden soll. Auf den ersten Blick wirken beide nahezu identisch. Das ist Teil des Konzeptes: von außen Retro- Look von 1923, aber im Inneren eine Ausstattung, die Fans im Jahre 2009 sehen wollen. 140 Essenstände bieten den Fans eine Antwort auf alle denkbaren kulinarischen Gelüste und 1400 Bildschirme garantieren das Verpassen keines Homeruns. Ein Museum, eine Kunstgalerie, ein Steakhouse, ein Hard Rock Cafe, eine Martini-Bar und vieles mehr – nicht ohne Grund nennen Kritiker das Stadion Fünf- Sterne-Hotel mit Ballpark. In 56 Suiten und 13 Restaurant-Lounges wird dem zahlungswilligen Fan jeder Wunsch erfüllt, den der alte Ballpark vermissen ließ.

John Baron gehört nicht zu ihnen. „Ich habe da unten einen Sushistand gesehen, aber Baseball ist nun mal nicht Sushi“, sagt er. Wie viele amerikanische Väter geht er regelmäßig mit seinen drei Söhnen zum Baseball. 48 Dollar hat Baron pro Ticket bezahlt, die von 5 Dollar auf einem Stehplatz bis 2625 Dollar hinter der Homebase reichen – eine Ermäßigung für Kinder gibt es nicht. Will man einen halbwegs vernünftigen Sitzplatz, wird es für Familien teuer. Und wenn dann auch noch das Hotdog fünf Dollar kostet, vergeht John Baron der Spaß.

„Wir wollten ein Stadion bauen, das bei jedem Zuschauer einen ,Wow-Effekt‘ auslöst“, sagt Yankee-Präsident Randy Levine. Das ist ihm und Geschäftsführer Lonn Trost gelungen: Staunend stehen viele Zuschauer auch zwei Wochen nach der Eröffnung noch auf den Rängen. Weitläufiger ist das Stadion, Fans können herumlaufen und haben dennoch ständig das Spielfeld im Blick. „Es war Zeit für Erneuerung“, sagt ein anderer Fan. Das alte, 1976 renovierte Stadion entsprach nicht mehr den modernen Ansprüchen.

Für den Gang in die Zukunft nahmen die Yankees den Verlust einer langen Tradition in Kauf. Im alten Stadion schlug Joe Louis 1938 Max Schmeling, Nelson Mandela winkte hier 1990 nach seiner Freilassung und nach dem 11. September 2001 versammelten sich hier die New Yorker zum Trauergottesdienst. Und die Yankees gewannen 26 Mal die Meisterschaft.

Levine und Trost haben versucht, möglichst viel Geschichte mit in den neuen Ballpark zu bringen. Die Nummerierung der Sektionen und die Dimensionen des Feldes wurden nicht verändert und die Stehkurve der Fans ist an der exakt gleichen Stelle positioniert. Die weiße Verzierung, die das Dach des alten Stadions vor der Renovierung 1976 schmückte, wurde in einer Replik wieder aufgenommen. Den Begriff „Neues Yankee-Stadion“ mag der für den Neubau Hauptverantwortliche Lonn Trost deswegen gar nicht: „Dies ist das Yankee-Stadion, mehr als jenes, das wir gerade verlassen haben.“ Und auch Levine sagt: „Wir wollten zu unserer Geschichte zurück.“

John Baron findet aber, dass das nur oberflächlich gelungen ist. Denn im inneren, sagt er, habe das hochmoderne Stadion mit Baseball nicht mehr viel zu tun.

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