Sport : New York, Moskau – Leipzig

Die sächsische Stadt schlägt zuletzt Hamburg und geht ins Rennen um die Olympischen Spiele 2012

Robert Ide

München. Als Bundeskanzler Gerhard Schröder um 16.38 Uhr den Zettel in die Hand nahm, war es still im Versammlungssaal des Münchner Hilton Hotels. „Der Gewinner ist Leip...", las Schröder vor, und mitten im letzten Wort unterbrach ihn ein Schrei aus Dutzenden Kehlen. In einer Ecke des Saals sprangen Männer im dunklen Anzug und Frauen in kurzen Röcken in die Höhe, jubelten und umarmten sich. In einer anderen Ecke gab es Pfiffe. Leipzig ist der deutsche Kandidat für die Olympischen Spiele 2012, das entschied überraschend das Nationale Olympische Komitee (NOK) am Samstag. Zuvor wurde mit Rostock ebenfalls eine ostdeutsche Stadt als Segelstandort nominiert. Manfred von Richthofen, der Chef des Deutschen Sportbundes, konnte es kaum fassen. Er sagte nur: „Das ist eine Sensation.“

Ganz vorn im Licht der Scheinwerfer stand Wolfgang Tiefensee, Leipzigs Oberbürgermeister. Interview um Interview musste der Überraschungssieger geben, und immer wieder sagte er einen Satz: „Das ist ein grandioser Tag für Leipzig und ein grandioser Tag für Deutschland.“ Gerade Tiefensee hatte die wahlberechtigten Sportfunktionäre beeindruckt, als er bei der Präsentation seiner Stadt auf die Bühne trat, sich auf einen Stuhl setzte und begann, Cello zu spielen. „Dona nobis pacem“, lautete das Lied, „Gib uns Frieden“. Die Ostdeutschen hatten das Lied im Wendeherbst 1989 in den Kirchen gesungen. „Damals geschah das erste Wunder in Leipzig“, erzählte Tiefensee. „Heute haben wir das zweite geschafft. Es ist Irrsinn.“ Kanzler Schröder freute sich mit: „Ganz Deutschland steht hinter Ihnen.“

Der Außenseiter hat sich durchgesetzt im olympischen Rennen der fünf Städte, im entscheidenden Wahlgang wurde der Favorit Hamburg geschlagen. Die wirtschaftlich und politisch starke Rhein-Ruhr-Region, die sich mit Hamburg einen erbitterten Zweikampf geliefert hatte, war im vorletzten Wahlgang ausgeschieden. Zuvor mussten sich Stuttgart und Frankfurt am Main verabschieden. Nun beginnt für den Sieger aus Sachsen das internationale Rennen um das größte Sportereignis der Welt. Die Konkurrenz ist mit Metropolen wie New York, Madrid, Paris, London, Moskau und wohl auch Rio de Janeiro stark. Die endgültige Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees fällt im Juli 2005 in Singapur. Ein Jahr zuvor trifft das IOC bereits eine Vorauswahl von maximal sechs Bewerbern.

„Diese nationale Entscheidung muss jetzt international stark gemacht werden", sagte NOK-Präsident Klaus Steinbach. Vor der Wahl noch hatte er an die Delegierten appelliert, eine auch in der Welt durchsetzungsfähige Wahl zu treffen. Ist das mit Leipzig geschehen? Die Sportfunktionäre waren sich da trotz der Leipziger Tradition als DDR-Sportstadt nicht so sicher. „Ich wünsche den Leipzigern natürlich Erfolg“, sagte Nordrhein-Westfalens Sportminister Michael Vesper. „Aber da bin ich eher skeptisch.“ Dann bestellte er sich erst mal ein Bier.

Ein paar Stunden zuvor noch war Vesper voller Optimismus durch den Saal gelaufen. Am Nachmittag hatten sich die Städte nacheinander präsentiert. Mit Prominenten, mit Politikern, mit Kindern, mit bunten Videos. Der Favorit Hamburg setzte sich als Erstes in Szene, allerdings nicht wie vorgesehen mit einem Film von Starregisseur Dieter Wedel. Der war bei einer internen Voraufführung durchgefallen. „Einigen Beobachtern aus den Sportfachverbänden war zu viel Tingeltangel in dem Streifen“, sagte Karl-Heinz Blumenberg von der Hamburger Bewerbungsgesellschaft entschuldigend. Der Ersatzfilm konzentrierte sich auf das Sportliche und das Internationale, auf die kurzen Wege zwischen den Sportstätten, auf die Spiele am Wasser und, ganz kurz, auf das Nachtleben von St. Pauli. Düsseldorf, das sich mit Hamburg vor der Wahl einen harten Zweikampf geliefert hatte, zeigte mehr Emotionen. Reiterin Isabell Werth und Schwimmer Thomas Rupprath beeindruckten mit Charme und Witz. „In Nordrhein-Westfalen schlägt das sportliche Herz Deutschlands“, das war die Botschaft der Rhein-Ruhr-Region. Im Prüfbericht des NOK, der die Qualität der Bewerber bewertet hatte, war Düsseldorf allerdings wegen der weiten Wege zwischen den Sportstätten und der Olympiagegner noch schlecht weggekommen. Dieser Rückstand war auch mit Charme nicht mehr aufzuholen.

Zum Schluss kam Leipzig. Mit Bildern von der Berliner Mauer, mit einem selbst musizierenden Bürgermeister Wolfgang Tiefensee und dem extra aus Paris eingeflogenen Dirigenten Kurt Masur. Sogar der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker kam auf die Bühne, um dem ostdeutschen Außenseiter zum Sieg zu verhelfen. Olympiachef Steinbach gestand später: „Bei so viel Gefühl haben einige Funktionäre neben mir richtig glasige Augen bekommen.“

Am Ende war es eine Entscheidung des Gefühls. Und dieses Gefühl sagte wohl einigen Sportfunktionären, die zunächst Düsseldorf favorisiert hatten, dass am Ende lieber Leipzig gewinnen sollte und nicht das verhasste Hamburg. „Der Streit zwischen den beiden war uns sicher nicht abträglich“, sagte Leipzigs Olympiabeauftragter Burkhard Jungk. Aber am Ende war das allen egal. „Die Leipziger sind ein nettes Völkchen“, sagte Bundesinnenmnister Otto Schily zum Abschied. „Und deswegen haben sie auch gewonnen.“

Einer hat gewonnen, vier haben verloren. „Alle für einen, einer für alle“ – dieses Motto schärfte Olympiachef Klaus Steinbach den Teilnehmern noch einmal ein. Steinbach hat als NOK-Präsident auch die Rolle des Moderators. Seine Vision lautet: Es gibt einen großen und vier kleine Gewinner. Draußen vor dem Versammlungssaal schüttelte so mancher Funktionär den Kopf. „Das ist doch Traumtänzerei“, sagte etwa der umstrittene Kanu-Chef Ulrich Feldhoff, der sich zuvor massiv für Düsseldorf eingesetzt hatte. Feldhoff glaubt nicht an die olympische Einheit. „Bei Kanurennen habe ich noch nie vier zweite Plätze gesehen.“ Feldhoff hatte einen Tag vor der Abstimmung unter einigem Druck sein Stimmrecht an einen Vertreter abgegeben.

Und so kommt es vielleicht, wie es kommen muss und doch nicht kommen soll. Es wird Streit geben über die nationale Entscheidung und ihre Internationalität. „Wenn er nur ein paar Tage dauert und sich danach alle einig sind, hat Leipzig eine Chance“, sagte ein hochrangiger Sportfunktionär zum Abschied.

Und wenn es länger dauert? „Dann haben wir hier alle ein Problem.“

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