NFL-Klub Philadelphia Eagles : Anweisungen mit Elvis

Vorne hui, hinten pfui: Wie die Philadelphia Eagles und ihr Trainer Chip Kelly die Gepflogenheiten im American Football revolutionieren - zumindest, wenn sie in der Offensive sind.

von
Spielzug? Balboa! Und der King! Philadelphias Trainerstab zeigt die Taktik an.
Spielzug? Balboa! Und der King! Philadelphias Trainerstab zeigt die Taktik an.Foto: AFP

Hoch oben in der Loge nahm Jim Haslett sein Basecap ab und kratzte sich ungläubig am Kopf. Wenig später waren ihm endgültig die Gesichtszüge entglitten ob der absurden Szenen, die sich unten auf dem Feld abspielten. Haslett zählt zu den Veteranen in der US-amerikanischen National Football League (NFL), in seiner 28. Saison hat der Defensiv-Koordinator der Washington Redskins so ziemlich alles gesehen, was es unter taktischen Aspekten zu sehen gibt – sollte man meinen. Was sich allerdings an diesem ersten Sonntag der neuen Saison, im Spiel der Redskins gegen die Philadelphia Eagles ereignete, kam selbst für eingefleischte Beobachter einem Paradigmenwechsel gleich. Hatten die Eagles an der Seitenlinie tatsächlich abwechselnd große Porträts von Will Smith, Rocky Balboa, Baseball-Maskottchen Phillie Phanatic und anderen der Stadt Philadelphia nahe stehenden Größen sowie von Elvis Presley in die Luft gehalten, um den folgenden Offensiv-Spielzug anzusagen?

Was zunächst unterhaltsam bis lächerlich wirkte, beschäftigt die amerikanischen Sportmedien nun schon seit Wochen. Ebenso revolutionär wie die Kommunikation der Taktik ist nämlich das dahinter stehende System, die so genannte „Blur Offense“. Erfunden hat es Philadelphias neuer Coach Chip Kelly, der Andy Reid im Sommer nach 14-jähriger Amtszeit ablöste. „Kellys Interpretation des Spiels hat das Landschaftsbild der NFL unter philosophischen und schematischen Aspekten radikal verändert“, sagt Ron Jaworski. Der Analytiker des Fernsehsenders „ESPN“ hat deshalb sogar sein populärwissenschaftliches Buch „The Games that changed the Game“ ergänzt, für das er sieben Meilensteine der Football-Taktik herausgearbeitet hatte. Im achten Kapitel geht es explizit um Kelly und sein System.

Das Prinzip der „Blur Offense“ beruht auf zwei zentralen Punkten: Tempo und Unkonventionalität. Um die gegnerische Defensive zu zermürben, führen die Eagles ihre Offensiv-Spielzüge so schnell aus wie kein anderes NFL-Team, wodurch in der gegnerischen Abwehrreihe gewaltige Schwierigkeiten beim Formieren und Zuordnen des Gegenspielers entstehen. Ist das Ei dann im Spiel, gehen die Probleme erst richtig los – weil sich Coach Kelly von nahezu allen ungeschriebenen Taktik-Gesetzen der vergangenen Jahrzehnte losgesagt hat. Spieler bekleiden nicht – wie sonst üblich – streng eine Position, im Gegenteil. Running Backs (Ballträger) fungieren beispielsweise in schöner Regelmäßigkeit als Wide Receiver (Passempfänger). Ebensowenig hält Kelly vom Stigma, wonach der Quarterback ausschließlich als Ballverteiler auftritt. So zählt Philadelphias Quarterback Michael Vick zu den gefährlichsten Läufern in seinem Team und in der Liga überhaupt. Basis für all diese Varianten sind wiederum eingangs erwähnte Schilder mit den Konterfeien von Rocky und Will Smith.

„In einem professionellen Team sieht man so etwas normalerweise nie, man wird eher dafür ausgelacht“, sagt DeSean Jackson. „Aber wir können ganz gut damit umgehen, weil es sich um geheime Tricks handelt“, ergänzt der Passempfänger, „niemand außer uns kennt die Bedeutung der Zeichen“. Das gilt zumindest für den Moment. Denn viele Experten bezweifeln, dass sich Kelly und sein System auf Dauer durchsetzen werden. Man muss dazu wissen, dass Kelly im Alter von 52 Jahren seine erste Saison in der Profiliga bestreitet, zuvor hat er mehr als 20 Jahre als College-Coach gearbeitet und sich in dieser Zeit einen Namen mit seinen unorthodoxen Methoden gemacht, zuletzt als Coach der Oregon Ducks, dem wohl am offensivsten ausgerichteten Team der Staaten. Und genau da liegt das Philadelphias Problem nach fünf Spieltagen: in der Defensive. Das wurde in der Partie gegen Titelfavorit Denver besonders deutlich (20:52).

Immerhin besitzen die Eagles nach dem Sieg gegen Erzrivale New York Giants am Sonntag (36:21) bei einer Bilanz von zwei Siegen und drei Niederlagen weiterhin realistische Chancen auf den Play-Off-Einzug. Trotzdem gilt: So unberechenbar Kellys Teams in der Offensive sind, so verwundbar sind sie in der Defensive. Rocky Balboa lässt grüßen.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben