NHL : Chicago und der Boom im Eishockey

Nach dem Lockout ist die nordamerikanische Eishockey-Profilga NHL populärer denn je. Das Finale um den Stanley-Cup fand weit mehr Aufmerksamkeit als sonst. Ein Ortstermin in Chicago.

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Die Besten haben gewonnen. Fans der Chicago Blackhawks.
Die Besten haben gewonnen. Fans der Chicago Blackhawks.Foto: Reuters

Um zehn vor sechs hat Dan Michaels genug. Er nimmt einen Schwamm, geht nach draußen auf die Strasse und wischt auf einer Reklametafel die Schrift ab. Michaels ist Eigentümer einer Sportsbar in Chicago, er hatte  für das Endspiel in der National Hockey League (NHL) zwischen den Chicago Blackhawks und den Boston Bruins geworben. Aber 90 Minuten vor Spielbeginn ist es in seiner Bar so brechend voll, dass unmöglich noch mehr Leute hineinpassen. „Das Ganze überrascht mich nicht”, sagt Michaels. „Bereits während der ganzen Serie ging es hier zu wie sonst nur bei wichtigen Spielen der Bulls oder Bears.”
Die Bulls und die Bears, dass sind Chicagos Teams im Basketball und American Football. Sportarten, die gewöhnlich einen höheren Stellenwert als Eishockey haben. Aber Eishockey bommt. In Chicago natürlich auch, weil die Blackhawks erfolgreich sind. Vor dem Spiel am Montagabend sind sie nur einen Sieg vom Meistertitel entfernt. Die Stadt befindet sich seit dem Beginn der Finalserie im totalen Hockyrausch. An allen großen Gebäuden in der Innenstadt sind Blackhawks-Banner angebracht, das markante Logo mit dem Indianerkopf gruüßt von beinahe allen Häuserwänden. Die Michael Jordan-Statue vor den United Center trägt ein Blackhawks-Trikot, das Dinosaurierskelett vor dem Field-Museum ebenso. Und die Löwen-Statuen vor dem Art Institute haben auf ihren Köpfen Eishockeyhelme.  
Chicago jubelt seinen Eishockeyspielern zu, insgesamt lässt sich das aber fuer viele Standorte in den USA sagen, sofern sie nicht im Süden des Landes liegen. Das ist umso erstaunlicher, weil der NHL von vielen Experten eine schwierige Saison prophezeit wurde. Erst Ende Januar begannen die Spiele, nachdem ein Grossteil der Saison abgesagt worden war. Anstatt 82 gab es nur 48 Partien pro Team, das All-Star-Spiel fiel aus. Und alles, weil sich die Spielergewerkschaft und die Liga im Vorfeld nicht über einen neuen Tarifvertrag einig geworden waren. Die Vereine sperrten ihre Spieler in der Folge aus, Lockout nennt sich das in den USA. Viele Profis hielten sich während dieser Zeit in Europa fit, aber auch Klubs wiedie Berliner Eisbären profitierten damals von der Situation in Nordamerika. Claude Giroux und Daniel Brière, zwei Stars der Philadelphia Flyers spielten damals wochenlang für die Berliner. Brière war lange Zeit der beste Stürmer des Deutschen Meisters.

Wirklich neu war das Szenario nicht, schon vor neun Jahren musste die komplette Saison wegen gescheiterter Tarifverhandlungen ausfallen. Damals fürchteten die Verantwortlichen den Groll der Fans, aus Angst vor ausbleibenden Zuschauern änderten sie einige Regeln, um das Spiel attraktiver und torreicher zu machen. Etwa verringerten sie den Abstand zwischen beiden Toren und ließen mehr Platz zur Bande dahinter. Außerdem wurde das Penaltyschießen eingeführt, um in jedem Spiel einen Sieger ermitteln zu können. Das kam an, die Zuschauer strömten auch nach einem Jahr ohne Eishockey in die Hallen. Dieses Jahr war es ähnlich, nur dass keine Regeländerungen nötig waren.
„Anfangs gab es schon Leute die saurer waren. Schließlich war die Situation dieses Mal eine andere als 2004. Die Vereine hatten seit dem damaligen Lockout so viel Geld wie noch nie gemacht und trotzdem konnten sie sich nicht mit der Spielergewerkschaft einigen. Das stieß natürlich auf Unverständnis. Aber es ist doch wie mit einem guten Gericht. Wenn es für einige Zeit von der Karte ist, strömen die Leute ins Restaurant, sobald es wieder zu haben ist”, sagt John Gartner. Er berichtet seit mehr über 25 Jahre als Reporter für lokale Radioanstalten von den Spielen der NHL. Das die Liga den Lockout so gut verkraftet hat, überrascht ihn nicht wirklich. „Die Menschen in Nordamerika sind Lockouts in den großen Sportarten gewohnt. Egal ob Baseball, Basketball oder Hockey, nirgends gab es in der Folge wirklich starke negative Auswirkungen. Irgendwie gehört das fast schon mit zur Sportkultur” sagt Gartner.

In dieser Saison waren die Zuschauerzahlen in der NHL konstant gut und bei den TV-Quoten verzeichneten die übertragenden Sender sehr positive Resultate. Mit den Spielen zwei und Drei des Stanley-Cup-Finales erreichten NBC Sports Network die höchsten Quoten, die ein Kabelsender je durch Eishockey erreichte. Die Spiele vier bis sechs waren daraufhin bei NBC im frei empfangbaren Fernsehen zu sehen. Das hängt auch mit der Paarung zusammen. Chicago und Boston sind zwei absolute Traditionsteams, die sich noch nie im Endspiel gegenüber standen. Attraktiver hätte das Stanley-Cup-Finale kaum sein können.
Auch die Barbesitzer machen inzwischen guten Umsatz bei Eishockey-Spielen. „Das war vor zwanzig Jahren noch anders”, erzählt Dan Michaels. “Damals waren die Bulls und die Blackhawks beide im Finale, aber niemand scherte sich einen Dreck um Hockey.”
Diese Zeiten scheinen am Montagabend eine Ewigkeit her zu sein. In Michals Bar erreicht die Stimmung ihren Höhepunkt, als die Blackhawks in den Schlusssekunden einen 1:2-Rueckstand in einen 3:2-Sieg verwandeln und den Stanley Cup gewonnen haben. Bier schwappt durch die Luft, selbst hier im gut situierten Chicagoer Norden liegen sich Menschen in den Armen, die am Tage noch in den Büros von Downtown gearbeitet haben und sich erst seit einen paar Minuten kennen.
Die kommende NHL-Saison soll dieses Mal pünktlich im Oktober beginnen. Dan Michaels kann es kaum erwarten. 

 

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