Sport : NHL: Der Kuss des Lebens

Stefan Liwocha

Ray Bourque hielt die Trophäe wie ein Neugeborenes in den Händen. Er küsste sie. Umarmte sie. Und hätte sie am liebsten nie wieder losgelassen. Und dann liefen die Tränen. Bei Bourque, seiner Frau Christiane und den drei Kindern, die allesamt aufs Eis geeilt waren. "Es ist unglaublich", stammelte der kanadische Eishockeyspieler im schönsten Moment seiner Karriere, "den Cup endlich hochheben zu können, das ist ein unbeschreibliches Gefühl. Die letzten 30 Sekunden des Spiels konnte ich kaum mehr atmen." Allerdings nicht vor Erschöpfung, sondern vor lauter Emotionen in Gewissheit des Happy-Ends. Seine Colorado Avalanche führten im entscheidenden siebten Spiel der Finalserie um den Stanley Cup gegen die New Jersey Devils mit 3:1, und wie Bourque konnten auch die 18 000 Fans in der zum 292 Mal in Folge ausverkauften Pepsi-Arena die Schlusssirene nicht erwarten. "Zehn, neun, acht ..." - es war wie am Sylvesterabend kurz vor dem Entkorken der Champagnerflasche.

Das beste Team der normalen Saison hatte in der hart umkämpften Finalserie gegen den Titelverteidiger bereits mit 2:3 in Rückstand gelegen und dann doch noch mit 4:3 Siegen triumphiert. Zuletzt war dieses Kunststück 1971 den Montreal Canadiens gelungen. Aber mit einem Patrick Roy im Kasten ist alles möglich. Der Torhüter hielt im letzten Akt 25 von 26 Schüssen und war ein Garant dafür, dass Colorado seinen zweiten NHL-Titel nach 1996 gewann. Als Belohnung wurde Kanadas Eishockey-Idol mit der Conn-Smythe-Trophäe als wertvollster Spieler (MVP) der Play-offs ausgezeichnet. Obwohl Roy als erster Spieler der National Hockey League zum dritten Mal zu MVP-Ehren kam und seinen vierten Stanley Cup gewann, war er nicht der Hauptdarsteller. "Im Moment denke ich nur an Ray", sagte Roy, und Trainer Bob Hartley fügte salbungsvoll an: "In ihren Herzen haben alle für Ray Bourque gespielt. Ich werde es mein Leben lang nie vergessen, ihn einmal trainiert zu haben."

Ray Bourque. Seine Story klingt wie ein modernes Märchen. Zwanzig Jahre spielte der Verteidiger für die Boston Bruins, erreichte zweimal das Stanley-Cup-Finale und verlor jeweils gegen die Edmonton Oilers. Bourque war ein Abwehrkönig. Allerdings einer ohne Krone. Und darum bat er die Bruins im März 2000 darum, ihn ziehen zu lassen. Bei den Avalanche wollte er sich den Kindheitsraum von der Meisterschaft erfüllen. Er war in Nordamerika ein sentimental favorite. So nennt man einen Sportstar, dem man aufgrund seiner beständig guten Leistungen endlich ein Happy-End in der großen Karriere gönnt. John Elway war auch so ein Fall gewesen. Dem NFL-Quarterback der Denver Broncos gönnte ein jeder den großen Wurf, bis er endlich im Alter von 37 Jahren seine erste Super Bowl gewann.

Ray Bourque ist 40 Jahre alt und hat 1825 NHL-Spiele hinter sich. In Denver endete jetzt eine lange Reise, die er als Teenager in den siebziger Jahren in Boston antrat. Als NHL-Commissioner Gary Bettman den silbernen Pokal an Joe Sakic überreichte, brach dieser mit der Tradition, dass der Kapitän als erster mit der Trophäe übers Eis läuft. Stattdessen reichte er sie sofort an Bourque weiter. "Ich wusste, dass die Eishockey-Welt sehen wollte, wie er sie als erster in die Höhe hebt", sagte Sakic.

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