Sport : NHL: Ein Haifisch lernt Höflichkeit

Stefan Liwocha

Wer ist Bill Guerin? Der Mann hat gerade drei Tore geschossen und ist dafür zum besten Spieler gewählt worden beim Allstargame der National Hockey League (NHL). Und doch sind die Scheinwerfer nicht auf ihn gerichtet, sondern auf einen, der an diesem Abend in Denver nur ein Mitläufer war. Mario Lemieux ist der Star des Abends. Das Publikum feiert ihn, und er lacht mit einer Herzlichkeit, die nicht so recht zu seinem verschlossenen Wesen passen will. Super Mario, wie sie ihn in Nordamerika nennen, ist wieder da. Schon seit dem 27. Dezember, aber im Kreis der ganz Großen meldet er sich erst an diesem Sonntag in Denver zurück. Nicht nur die Fans, auch die Mitspieler verneigen sich vor ihm. "Es war einfach begeisternd, bei einem derartigen Ereignis mit Lemieux dabei zu sein", sagt der Bostoner Bill Guerin. "Marios Präsenz war für jeden spürbar."

Es ist die Präsenz eines Mannes, der schon zweimal scheinbar für immer von den Eisflächen Nordamerikas verschwunden war. Vor einem halben Jahr hat er seinen Verein, die Pittsburgh Penguins, gekauft. Drei Monate später hat er, nach 44 Monaten Pause, wieder angefangen zu spielen. Seitdem ist er der erste und einzige spielende Teameigner in der besten Eishockeyliga der Welt. Mit 35 Jahren steht Mario Lemieux in der Blüte seiner dritten Karriere. Und er fühlt sich "besser, als ich mit 22 oder 23 war".

Sportlich war das Allstargame kaum ernst zu nehmen. Symbolisch war es ein weiterer Schritt nach vorn im zweiten Comeback des Mario Lemieux. Sein Ziel ist ein Jahr entfernt. Olympia in Salt Lake City. "Wenn man mich ruft, bin ich sofort dabei", sagt der Kanadier, "wir sollten ein großes Team auf die Beine stellen können. Ich will ein Teil davon sein."

Natürlich soll man sparsam mit solchen Begriffen sein, aber sollte Mario Lemieux tatsächlich in Salt Lake City spielen, wäre das schon ein historisches Ereignis. Zweimal hatte er sich schon vom Eishockey zurückgezogen. Beim ersten Mal stoppte ihn der Krebs, beim zweiten Mal hatte er keine Lust mehr.

Mario Lemieux hat stets polarisiert. Seitdem er am 11. Oktober 1984 sein erstes NHL-Spiel bestritt, war er so etwas wie das aggressive Gegenstück zum kanadischen Volkshelden Wayne Gretzky. Ein früherer Trainer hat einmal gesagt, es sei einfacher, einen Haifisch das Essen mit Messer und Gabel zu lehren, als Lemieux die Grundzüge der Höflichkeit beizubringen. Der exzellente Schlittschuhläufer führte die Penguins 1991 und 1992 zum Gewinn des Stanley Cups. Ein Jahr später war zum ersten Mal Schluss. Lymphdrüsenkrebs. Die Diagnose traf Lemieux härter als jeder gegnerische Check. "Als der Arzt den Krebs diagnostizierte, bin ich beinahe an Tränen erstickt", hat er später einmal erzählt. Es gibt Bilder, die ihn mit verquollenen Augen bei der Pressekonferenz zeigen, auf der er damals seinen Rücktritt bekanntgab. Eineinhalb Jahre lang unterzog Lemieux sich Chemotherapien und Operationen, sein Comeback im Herbst 1995 wirkte wie ein Wunder.

Die Kanadier haben ihn immer geachtet, vor und nach seiner Krebserkrankung haben sie mit ihm gelitten. Aber verehrt und geliebt, wie der ewige Rivale Gretzky, wurde Lemieux nie. Er galt als unnahbar und arrogant, einer, der eher widerwillig in der Stahlarbeiterstadt Pittsburgh seinem Job nachging und doch viel lieber in Los Angeles oder Montreal gespielt hätte. Zweimal sagte er unter fadenscheinigen Gründen seine Teilnahme an der Weltmeisterschaft ab. Als die Spielergewerkschaft NHLPA im Sommer 1996 den World Cup of Hockey veranstaltete, das bis dahin bestbesetzte Eishockeyturnier der Welt, blieb Lemieux beleidigt zu Hause. Er empfand seine Verdienste um das kanadische Eishockey als nicht angemessen gewürdigt. Ein Jahr später trat Lemieux erneut zurück - mit der für einen Eishockeyspieler originellen Begründung, das Spiel sei ihm zu hart geworden. Das war nach 613 Toren in 745 NHL-Spielen - das zweite Ende einer einmaligen Karriere?

Für ein paar Jahre verlor Lemieux das Interesse am Eishockey. Im vergangenen Sommer meldete er sich zurück. Nach langwierigen Verhandlungen mit der NHL kaufte Lemieux seinen früheren Arbeitgeber, die in wirtschaftliche Turbulenzen geratenen Pittsburgh Penguins. Es war dabei weniger Nostalgie im Spiel als geschäftliches Interesse. Wären die Penguins Bankrott gegangen, hätten sie ihren finanziellen Verpflichtungen gegenüber Lemieux nicht mehr nachkommen können. Dessen Vertrag war trotz Rücktritt immer noch gültig.

Am 3. September unterzeichnete Lemieux den Kaufvertrag. Er war 35 Jahre alt und dreieinhalb Jahre raus aus dem Geschäft. Als er im November mit ein paar früheren Teamkollegen aufs Eis ging, hielt man das in Pittsburg für kaum mehr als das private Fitnessprogramm eines Geschäftsmannes. Doch Lemieux wollte mehr. Am 19. Dezember trainierte er erstmals öffentlich mit den Penguins, zehn Tage später war es so weit. Im Spiel gegen die Toronto Maple Leafs lief Mario Lemieux erstmals wieder im berühmten schwarz-weiß-gelben Trikot mit der Nummer 66 auf. Seitdem hat er in 16 Spielen 16 Tore geschossen und ebenso viele Vorlagen gegeben.

Gary Bettman weiß gar nicht, wohin vor Glück. Der NHL-Commissioner hofft, "dass Mario der gesamten Liga einen gewaltigen Schub geben wird". Bettman hat, gegen erhebliche Widerstände in den eigenen Reihen, eine erneute Teilnahme der NHL-Profis bei den Olympischen Spielen durchgesetzt. Eine zweite Pleite wie 1998 in Nagano, als Kanada und die USA von den kecken Tschechen vorgeführt wurden, kann er sich nicht leisten. Da kommt ihm die dritte Karriere des Mario Lemieux gerade recht.

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