Sport : Nicht auf dem Laufenden

Bei der Cross-WM wird die deutsche Misere deutlich

Jörg Wenig

Brüssel. Benita Johnson gab ein gutes Beispiel. In Abwesenheit von Paula Radcliffe zeigte die Australierin, dass nicht nur die britische Marathon-Weltrekordhalterin schneller laufen kann als die besten Afrikanerinnen. Johnson war die größte Überraschung bei den Cross-Weltmeisterschaften. Sie gewann Gold auf der 8-Kilometer-Distanz und schockierte die favorisierten Läuferinnen aus Kenia und Äthiopien. Es war das erste Mal, dass Australien überhaupt eine Medaille bei einer Cross-WM gewann.

Deutsche Erfolge hat es in der Geschichte dieser Titelkämpfe auch schon gegeben, die 1973 begann. Doch sie liegen ein Vierteljahrhundert zurück. 1980 gewann Hans-Jürgen Orthmann Silber, drei Jahre zuvor war Detlef Uhlemann Dritter geworden. Das war freilich zu einer Zeit, als die Afrikaner noch keine große Rolle spielten. In anderer Funktion war Uhlemann am vergangenen Wochenende wieder bei der Cross-WM: als Trainer des Deutschen Leichtathletik-Verbandes.

Viel zu tun hatte er in Brüssel allerdings nicht. Denn das deutsche Team bestand aus einer einzigen Athletin: Susanne Ritter (LG Braunschweig). Die 25-Jährige schlug sich achtbar in dem hochkarätig besetzten 8-Kilometer-Rennen und lief auf Rang 23. Doch an der Situation kann das nicht viel ändern. Es sei kein gutes Gefühl gewesen, in Brüssel als einzige Deutsche zu laufen, sagte Susanne Ritter: „Es hängt dann alles an einem alleine. Man kann sich auch nicht gegenseitig motivieren.“

Während die großen deutschen Straßenläufe, allen voran der Berlin-Marathon, seit Jahren boomen, entwickelt sich die Spitze in die entgegengesetzte Richtung. Die besten deutsche Läufer entfernen sich in der Ära nach Dieter Baumann und Uta Pippig immer weiter von der Weltspitze. Doch wie erklärt sich dieser Niedergang? Zu wenig Bereitschaft zu hartem und umfangreichem Training ist ein populärer Vorwurf. Hinzu kommen offensichtlich falsche Prioritäten. Vor einer Woche fand die deutsche Meisterschaft im Halbmarathon statt. Dadurch kam wohl für die stärksten deutschen Läufer ein Start bei der Cross-WM im Nachbarland nicht in Frage. Sie suchten nicht den harten, aber wertvollen internationalen Vergleich.

Susanne Ritter entschied sich für die Cross-WM. „Einen solchen Start kann ich nur empfehlen. Das härtet ab und bringt internationale Erfahrung“, sagte sie. Sie geht auch am 4. April der Konkurrenz nicht aus dem Weg, wenn sie beim Berliner Halbmarathon antritt, um sich dort für die Halbmarathon-WM zu qualifizieren.

Isabelle Baumann, die frühere Bundestrainerin und Ehefrau von Dieter Baumann, hat vor zehn Jahren versucht, die Fehlentwicklung zu korrigieren. Sie machte sich fürs Crosslaufen stark. Doch dieser Einsatz ist verpufft. In Deutschland wird nicht erkannt, was in anderen europäischen Ländern erfolgreich praktiziert wird: Hartes Crosslauf-Training in der Wintersaison schafft die nötige Grundlage für Erfolge über die Langstrecken im Sommer. Die Misere wird noch deutlicher, wenn man berücksichtigt, dass es Manager gibt, die ihre deutschen Athleten nur dann zu Straßenläufen schicken, wenn vorher mit den Veranstaltern abgesprochen wird, dass eventuell konkurrierende Afrikaner nicht gewinnen dürfen.

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