Sport : Nicht heilig genug

Trotz Beschwörungsritualen von Trainer Trapattoni zittert Italien um die EM-Teilnahme

Julius Müller-Meiningen

Rom. Noch hat sich die Nation nicht entschieden, ob das Weihwasser, das der italienische Nationaltrainer Giovanni Trapattoni zu Beginn der zweiten Halbzeit auf den Boden des Belgrader Stadions hat tropfen lassen, wirklich geholfen hat. Einerseits hat seine Mannschaft danach den Ausgleich zum 1:1-Endstand zwischen Serbien-Montenegro und Italien kassiert und so die vorzeitige Qualifikation für die Fußball-Europameisterschaft 2004 in Portugal verpasst. Andererseits sehen viele Beobachter in Italien in der spirituellen Handlung Trapattonis die Ursache dafür, dass das Team schließlich das Unentschieden halten konnte. Denn das Remis war schmeichelhaft. Und angesichts des 1:1 zwischen Wales und Finnland reichte das Resultat, um Italiens Tabellenführung in Gruppe 9 zu festigen.

Trapattoni selbst wollte nach dem Spiel mit seinem eigenen Spuk nichts zu tun haben. „Diesmal hatten wir Glück“, gab der Trainer zu. Doch etwas sauer fügte er an: „Glück und Pech hängen von denen ab, die auf dem Platz stehen.“ Damit spielte Trapattoni auf die unkonzentrierte Vorstellung seiner Mannschaft in der zweiten Halbzeit an, die kraftlos wirkte und sich immer mehr in die eigene Hälfte zurückdrängen ließ. Torwart Gianluigi Buffon hatte Mühe, die immer zahlreicheren Schüsse auf sein Tor abzuwehren. Und weil die italienische Abwehr um Alessandro Nesta und Fabio Cannavaro am Ende nicht mehr sicher stand, nahm die Serie von sieben in Folge gewonnenen Spielen ohne Gegentor in Belgrad ihr Ende. Nach einem Fernschuss von Kristajic, den Buffon nur abklatschen konnte, war es Sasa Ilic, der per Abstauber zum Ausgleich traf. Danach ergingen sich die Italiener in der Verteidigung des einen Punktes. Und hofften auf das Glück.

Das Verhalten war verwunderlich, hatten die Italiener zunächst mit starkem Angriffsfußball an die erfolgreichen Spiele der Vergangenheit anknüpfen können. Nahezu selbstverständlich schien es, dass Filippo Inzaghi nach seinen drei Toren beim 4:0-Sieg gegen Wales auch in Belgrad den Führungstreffer erzielte. Einen Befreiungsschlag von Cannavaro, dem die serbisch-montenegrinischen Verteidiger wie dem Kometen von Bethlehem hinterherstarrten, nahm Inzaghi an und schoss aus sechs Metern in die linke untere Torecke. Seit dieser Führung schien es, als spielten die Italiener geistig schon EM-Fußball in Portugal. Trapattoni fasste diesen Zustand in die Worte: „Es schien schon getan, dem war aber nicht so, und das war auch ein bisschen unsere Schuld.“

Am 11. Oktober können seine Spieler das Versäumnis vergessen machen. Mit einem Sieg gegen Aserbaidschan kann sich das Team noch direkt für die EM qualifizieren.

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