Sport : Nicht im Sinne des Erfinders

England fährt nicht zur Europameisterschaft und entlässt Trainer Steve McClaren

Markus Hesselmann[London]

Steve McClaren verpasste auch die letzte Chance zu einem heroischen Moment. „I won’t“, antwortete er knapp auf die erste Frage nach Englands demütigendem 2:3 gegen Kroatien in Wembley. Ob er zurücktreten werde, hatte die Frage gelautet. „Werd’ ich nicht“, war die Antwort. „Ich laufe nie vor etwas weg“, fügte McClaren später als Begründung hinzu. Es ginge ihm nicht darum, sich eine Abfindung zu sichern. Jedenfalls war es nun am englischen Fußballverband (FA), über die Zukunft des 46-jährigen Trainers, dessen Vertrag noch bis 2010 läuft, zu entscheiden. Am Morgen danach gab die FA bekannt: Steve McClaren und sein Assistent Terry Venables sind mit sofortiger Wirkung entlassen. „Sich nicht für die EM 2008 zu qualifizieren ist zu wenig“, sagte Brian Barwick, Generalsekretär der FA, mit britischen Understatement.

McClaren selbst fasste die Lage in pathetischere Worten: „Ich übernehme die Verantwortung. Wir haben die Nation im Stich gelassen.“ Premierminister Gordon Brown sah das ähnlich und bedauerte öffentlich, dass nun kein Team aus dem Vereinigten Königreich bei der EM dabei ist. Der Labourchef, der in den Meinungsumfragen hinter der konservativen Opposition zurückliegt, kann nun nicht mehr auf den Feelgood-Faktor Fußball hoffen. Auch der britischen Wirtschaft tut die verpasste Qualifikation weh. Die Aktien von Getränke- und Sportartikelherstellern verloren an Wert. Die Coventry Business School errechnete, dass britischen Firmen umgerechnet drei Milliarden Euro entgehen. Reiseunternehmen, Medien und Pubs wurden als weitere Verlierer genannt.

Doch die größten Verlierer sind die englischen Fans. Im Gegensatz zu Englands willensschwachen Stars und ihrem hilflosen Trainer haben sie das Ausscheiden nicht verdient. Erneut waren mehr als 80 000 Fans ins neue Wembleystadion gekommen, um im strömenden Regen ihre Mannschaft anzufeuern. Selbst nach dem 0:2-Rückstand durch Tore von Niko Kranjcar vom FC Portsmouth – der für Paul Robinson aufgebotene Scott Carson machte dabei den für England fast schon üblichen Torwartfehler – und Ivica Olic vom Hamburger SV gaben sie die Hoffnung nicht auf. Sie bejubelten David Beckham, der wegen seiner zurzeit schlechten Kondition zunächst auf der Bank gesessen hatte, bei seiner Einwechslung zur zweiten Halbzeit und stimmten „God Save the Queen“ und „Rule Britannia“ an. Tatsächlich gelang England der Ausgleich. Frank Lampard traf per Elfmeter, Peter Crouch erzielte nach Flanke von Beckham das 2:2, das für die Qualifikation gereicht hätte.

Doch eine knappe Viertelstunde vor Schluss geschah das Unglaubliche. Kroatien schaffte die erneute Führung – eine Mannschaft, für die es nach der eigenen Qualifikation um nichts mehr ging und die eigentlich dieses Spiel spätestens mit dem ehrenhaften Remis auf sich beruhen lassen konnte. Es spricht nicht für ihre geistige Reife, dass sich die Engländer in dieser Situation noch besiegen ließen. Es spricht nicht für eine gute Vorbereitung, dass sie den eingewechselten Mladen Petric derart frei zum Schuss kommen ließen. Der Stürmer von Borussia Dortmund ist für seine platzierten Schüsse bekannt. England schien sich mit seinen Gegnern nicht richtig beschäftigt zu haben. Die teuren Stars wirkten überfordert und wussten in entscheidenden Situationen nicht, wie sie sich verhalten sollten.

Kroatiens Trainer Slaven Bilic sprach nach dem Spiel genau dieses Problem an: „Die englischen Spieler sind gut, ihre Organisation ist es nicht.“ Wer wollte, konnte das als Kritik an seinem Kollegen McClaren verstehen. Bilic, der nach seiner Zeit beim Karlsruher SC vier Jahre auf der Insel für West Ham und Everton gespielte hatte, bekannte seine Liebe zum englischen Fußball. Englands Stars seien „die Jumbo-Jets“ des Fußballs. Einmal richtig in Fahrt geredet, warf er den Engländern Selbstgefälligkeit vor. Er spielte an auf England als das Land, in dem der Fußball erfunden wurde, das sich aber darauf nichts mehr einbilden dürfe. „Ihr müsst lernen, dass es in kleinen Nationen sehr gute Fußballer gibt“, sagte Bilic. „Wacht auf“, bat der Kroate gleich mehrfach fast flehend. Der Mann, dessen Team Englands Hoffnungen zerstört hatte, klang am Ende fast selbst wie ein leidender Fan.

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