Sport : Nicht jeder Ukrainer hat einen Punch wie Klitschko

Hartmut Scherzer

Paolo Sergio überlistete auch den Schiedsrichter. Als der Brasilianer zur Feier seines Siegtores das Trikot auszog, um es einem Behinderten im Rollstuhl zu schenken, musste Mister Hugh die Gelbe Karte stecken lassen. Das "Schlitzohr" (Ottmar Hitzfeld) bot einen Striptease, an dem kein Referee der Welt Anstoß nehmen konnte. Paolo Sergio trug darunter kein weißes Unterhemd, sondern, kleiderordnungsgemäß, ein zweites Leibchen mit der Nummer 13. Der Trikottrick war nicht nur ein neuer Gag, ein Tor zu feiern, sondern auch eine noble Geste, die Versöhnung der Stars mit den Fans zu demonstrieren. "Die Kurve war unser zwölfter Mann", sagte Sergio.

Wenn nur 18 000 Zuschauer den glücklichen 2:1-Sieg des FC Bayern über Dynamo Kiew live im Olympiastadion erlebten, dann war die klägliche Kulisse weniger die Folge des zuletzt gestörten Verhältnisses zwischen Mannschaft und Publikum, sondern Ausdruck eines Völlegefühls der Kundschaft. Der vom Fernsehen mit Fußball überfütterte Fan ist satt, zumal ihm der Modus der Königsklasse noch nicht jene prickelnden K.-o.-Spiele wie in den Stunden davor der Uefa-Cup in Dortmund und Bremen bietet. Die Zwischenrunde als Offenbarungseid der Champions League. Das zu über zwei Dritteln leere Olympiastadion erinnerte Ottmar Hitzfeld an ein Freundschaftsspiel: "Kein Vorteil für uns."

Den Bayern fehlten nicht nur 30 000 Zuschauer für ein stimmungsvolles, gutes Spiel, sondern auch fünf sogenannte Leistungsträger, Effenberg, Jeremies, Lizarazu, Scholl und Elber. "Aber auch ohne sie können wir besser Fußball spielen", stellte Hitzfeld klar, wollte dennoch "nicht viel kritisieren", nach dem Motto: Glück gehabt. Drei Punkte geholt. Abhaken. Dynamo Kiew war die spielerisch eindeutig fixere, bessere, intelligentere Mannschaft, die allerdings bei aller Spielkunst ein doppeltes Handicap mit sich herumschleppte: Im Tor stand mit Alexander Schowkowski ein "Fliegenfänger", und vor dem Tor fehlte den verspielten Ukrainern der Punch der Klitschkos.

"Traumhaften Fußball" hatte Oliver Kahn vor sich gesehen, ein schnelles, verwirrendes Kurzpassspiel perfekter Fußballer, bei dem "einem schon mal schwindlig werden konnte". Die Chancen, einen der beiden ersten Plätze der Gruppe C zu belegen und das Viertelfinale zu erreichen, stehen damit günstig. Real Madrid am 29. Februar und 8. März (in München) ist der nächste Gegner, und bis zu diesem "Doppel" 2000 will der FC Bayern Lothar Matthäus unbedingt behalten. In den nächsten Tagen wird des Bayern-Management mit den Managern der New York MetroStars darüber verhandeln und alles versuchen, Lothars Abreise nach Amerika bis nach dem 8.3. zu verschieben. Denn wie unersetzlich der 38-jährige Libero, nach seiner Adduktoren-Verletzung ins Team zurückgekehrt, immer noch ist, wurde im Wirbel Dynamos nur allzu deutlich: Ohne den alten Matthäus hätte die Bayern-Abwehr ganz alt ausgesehen. Als Lothar Matthäus nach dem Schlusspfiff als Erster zur Fankurve lief, sei ihm der wehmütige Gedanke gekommen: "Lothar, das war heute wohl dein letztes Europapokalspiel."

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