Sport : „Nicht kontrollierbar“

Ex-Indycar-Pilot Danner über gefährliche Ovalrennen

Foto: dpa Foto: picture alliance / dpa
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Herr Danner, in der Formel 1 hat es seit 17 Jahren keinen tödlichen Unfall mehr gegeben. In der US-Indycar-Serie passieren immer wieder welche, zuletzt starb Dan Wheldon. Woran liegt das?

Die Problematik in den USA liegt vor allem an der Streckensicherheit. Da ist man um Welten hinter dem derzeitigen Standard in der Formel 1 hinterher, in der Absicherung, in der Qualität von Leitplanken, bei Auslaufzonen. Zum anderen ist es aber auch die Charakteristik der Ovalrennen an sich. Da fahren 34 Autos mit einer Geschwindigkeit zwischen 340 und 360 km/h immer an der Wand entlang. Da ergeben sich permanent Gefahrensituationen, die nicht mehr kontrollierbar sind.

Welche vor allem?

Erstens einmal kommt man bei diesen Geschwindigkeiten einfach an die Grenzen der Physik. Da wird, auch durch die eng an der Strecke stehenden Mauern, bei einem Aufprall innerhalb von so geringer Zeit so viel Energie vernichtet, dass das einfach nicht mehr geht. Außerdem hängen die Autos extrem dicht aufeinander, so dass der Fahrer überhaupt keine Reaktionsmöglichkeiten mehr hat, wenn vor ihm etwas passiert. Der Wheldon-Unfall war eine Massenkollision, wo eine Menge Leute ineinandergefahren sind, weil niemand mehr reagieren konnte.

Wie sieht es mit der Sicherheit der Autos aus?

Direkt unsicher sind Indycar-Autos nicht. Die Chassis sind ziemlich stabil, man hat auch einiges aus der Formel 1 übernommen, etwa den besseren Kopfschutz der Fahrer durch hohe Cockpitwände. Aber so knallhart überprüft und kontrolliert wie in der Formel 1 wird nicht.

Warum ist die Formel 1 so viel weiter?

Das hat sie ganz klar Max Mosley zu verdanken, der hat in seiner Zeit als Fia-Präsident mit eiserner Hand unglaublich viel bewegt. Ob es nun um die Autos ging, die hochgezogenen Cockpitwände, die höhere Stabilität der Chassis, die durch harte Crashtests überprüft wird. Oder ob es um die Strecken ging, um Umbauten, größere Auslaufzonen, neue Technologien in der Absicherung wie diese Kunststoffblöcke, die man jetzt an kritischen Stellen hat.

Es gibt auch die Idee, Cockpithauben bei Formel-1-Autos einzuführen wie in Kampfjets.

Darüber wird in Fia-Kreisen nachgedacht. Das ist allerdings noch nicht ausgereift, da müsste noch einiges geklärt werden. Wie bekommt man den Fahrer dann aus dem Cockpit, was passiert, wenn Dreck auf diese Haube kommt, wie ist das im Regen? Man darf bei solchen Dingen auch keine Panikentscheidungen treffen und dann mit Gewalt etwas Neues einführen, was noch nicht zu Ende gedacht ist.

Zurück in die USA: Was können die Indycar-Verantwortlichen tun, um den Rennsport dort sicherer zu machen?

Es war dort in gewisser Weise akzeptiert, dass es alle zwei, drei Jahre einen Toten gibt, wie auch bis in die achtziger Jahre noch in der Formel 1. Wenn man das in Zukunft nicht mehr akzeptiert, dann wird man wahrscheinlich nicht darum herumkommen, die Ovalrennen für die Indycar-Serie komplett abzuschaffen und nur noch auf Rundstrecken zu gehen. Die Ovale sind ein Anachronismus aus der Vorkriegszeit. Damals ging es halt darum, auf möglichst kleinem Raum möglichst viel Speed zu erreichen.

Sie sind selbst 1992 bis 1994 in den USA gefahren. Mit welchen Gefühlen sind Sie da immer an den Start gegangen?

Das Ovalfahren hat schon gewisse Reize. Aber wirklich wohl ist da keinem, das wage ich zu behaupten, auch den absoluten Spezialisten nicht. Weil die Ovale einfach unberechenbar sind. Auf einmal hängst du in der Wand und hast keine Ahnung, warum. Ein Steinchen auf der Strecke oder der Luftwirbel eines Vorausfahrenden, das reicht schon. Ich bin auch mal bei mindestens Tempo 300 in der Wand gelandet, da ließ sich auch nie klären, warum. Man weiß nur, es gibt gleich einen fürchterlichen Schlag – und hofft, dass nicht allzu viel passiert. Bevor dann erst einmal die Lichter ausgehen. Denn bei so einem Aufprall bist du sofort ohnmächtig.

Zu Ihrem ersten Renneinsatz in Amerika sind Sie durch den Tod eines Kollegen gekommen. Gibt einem das nicht zu denken?

Als Fahrer ist man Fatalist. Wenn man ins Auto steigt, denkt man nicht daran, dass einem selbst auch etwas passieren könnte.

Das Gespräch führte Karin Sturm

Christian Danner, 53,

fuhr von 1985 bis 1989 in der Formel 1 und von 1992 bis 1994 in der Indycar-Serie. Heute arbeitet er als Fernsehkommentator für einen Privatsender.

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