Sport : Nicht mehr aufs Pferd gesetzt

Warum die Wette auf den Rennbahnen ausstirbt

Ingo Wolff

Berlin - Für ältere Zocker ist es das einzig wahre Gefühl. Auf einer Rennbahn Geld auf ein Pferd zu setzen und dafür ein Stück Papier zu bekommen. Sie laufen dann einige Zeit mit dem Gefühl durch die Gegend, das Glück in der Tasche zu haben. Doch die alten Zocker werden weniger, und die jungen Wetter gehen lieber ins Internet als auf die Rennbahn. Sie wetten zwar auch dort gelegentlich auf Pferde, doch häufiger noch auf Fußball. So kämpfen Galopper und Traber seit Jahren gegen fallende Wettumsätze und die meisten Bahnen gegen die Existenznot. Denn von den Internetwetten kommt nichts auf den Bahnen an.

Die Verantwortlichen im deutschen Pferdesport haben sich zu lange auf ihrer Geschichte ausgeruht und die neuen Medien ignoriert. Sie haben erst reagiert, als Sportwetten im Internet und neu entstehende Buchmacher, die mit ihrer Wettvermittlung per Computer eine rechtliche Grauzone entdeckt hatten, den traditionellen Buchmachern längst den Markt streitig gemacht haben. Zögerlich wagten sie den Einstieg ins Internet und in eine eigene TV-Wettshow. Doch die Verluste konnte das nicht mehr auffangen.

Statt sich mit den Buchmachern ein neues Konzept auszudenken, wurde jahrelang über Bildrechte gestritten, die für die Buchmacher Grundlage fürs Geschäft sind, diese aber nicht so teuer bezahlen wollten. Die Wetter suchten sich derweil eine bequeme Alternative und fanden sie bei ausländischen Internetanbietern, die die reizvollen Bilder nutzen, ohne sie zu bezahlen oder Umsätze weiterzugeben.

Dabei hat die Pferdewette eine solide Grundlage. Wer vor mehr als 150 Jahren in England vom „Sport“ sprach, meinte Galopprennen. Schon damals gehörten Wetten dazu. Sie wurden in ein Buch eingetragen, woraus der Begriff Buchmacher entstand. In Deutschland gab es zudem einen traditionell verankerten Vorteil gegenüber den Sportwetten. Traber und Galopper profitieren von einer Ausnahme vom staatlichen Wettmonopol. Ihnen wurde im seit 1922 geltenden Rennwett- und Lotteriegesetz eine eigene Lizenzvergabe zugestanden – die Gewinne sollten die Weiterentwicklung der Pferdezucht sichern. So konnten die Verbände neben den Klubs auch Buchmachern Lizenzen für Außenwetten übertragen. Angetrieben vom Bilderstreit und dem Geschäft, das die Buchmacher bei den halblegalen Anbietern sahen, kam es zu Klagen gegen das Monopol.

Der Wettskandal im Fußball schadete dem Pferdesport zusätzlich. So paradox es klingen mag: Er hat die Sportwette bekannter gemacht. Noch etwas, womit Galopper mehr Erfahrung haben: Wettbetrug. Seit Anfang an gibt es ihn. Seit dreißig Jahren werden alle Rennen videoüberwacht und auf Manipulationen untersucht. Wettverbote für Beteiligte sind im Rennsport längst Realität, und Verstöße werden weltweit drakonisch bestraft. Der chinesische Jockey Stanley Chin, der in Deutschland reitet, musste in Hongkong schon einmal drei Jahre wegen Betrugs ins Gefängnis. In England wurde vor zwei Jahren der Championjockey Kieran Fallon wegen Betrugsverdachts verhaftet. Ein Handyverbot für Reiter auf englischen Bahnen führte vor drei Jahren sogar zum Jockeystreik und zur ersten Absage eines Rennens in Großbritannien. Etwas, was in Hongkong wegen Manipulationsangst längst für alle Besucher gilt.

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