Sport : Nicht mehr einer für alles

Wie sich DFB-Präsident Theo Zwanziger beim Verbandstag in Demut übt

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Foto: dpadpa

Als er sich zeigen soll, gehen seine Hände zur Abwehr hoch. Theo Zwanziger steht vor den Fotografen, aber alleine will er nicht aufs Bild. „Nur mit dem Ehrenpräsidenten“, sagt der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und zieht Gerhard Mayer-Vorfelder zu sich. So wechseln die Zeiten beim DFB: Der allumfassende Zwanziger lässt sich vom Vorgänger, den er einst entmachtet hatte, flankieren. Der 64-Jährige braucht nach der diffusen Aufarbeitung der diffizilen Belästigungsaffäre unter Schiedsrichtern Verstärkung, besonders für sich selbst. Das merkt er schon, als ihm erstmals in sechs Jahren Amtszeit bei einem Verbandstag nur matter Applaus entgegenschlägt und dann noch das Mikrofon ausfällt. „Haben sie Theo schon abgedreht?“, witzeln da die nach Frankfurt am Main beorderten Delegierten.

In der öffentlichen Schlammschlacht um den zurückgetretenen Schiedsrichter-Obmann Manfred Amerell, der von mehreren Referees der sexuellen Belästigung beschuldigt worden war, hatte sich Zwanziger öffentlich verheddert. Er erntete harsche Kritik an einer auf sich selbst ausgerichteten Amtsführung, zumal auch die bereits verkündete Vertragsverlängerung mit Bundestrainer Joachim Löw platzte. Gestern nun saß Löw im Auditorium und hörte aus Zwanzigers Mund, dass zwischen beide „kein Blatt Papier“ passe. Jedenfalls kein unterschriftsreifes, könnte man spöttisch sagen. Löw aber denkt nach mehreren Versöhnungsgesprächen eher pragmatisch: „Zwischen uns ist nichts zurückgeblieben“, sagte er auf Nachfrage.

In seiner knappen Rede ging Zwanziger auf die Vorwürfe nicht ein. Als er eine Welt beschrieb, „in der alle nach Teilung von Macht rufen“, und Systemfehler ansprach, die dazu führten, „dass man Grenzen nicht mehr sieht, die man haben muss“, bezog er sich lediglich auf die Schiedsrichter-Gilde. Die bedarf vieler Neuanfänge, struktureller und persönlicher. So wird bereits am heutigen Sonnabend Michael Kempter, der die Vorwürfe gegen Amerell aufgebracht hatte, dann aber vom Beschuldigten mit intimen Details in Bedrängnis gebracht worden war, erstmals wieder ein Spiel pfeifen dürfen. Nach Prüfung auch seiner Psyche gibt er in Sandhausen sein Comeback, in der Dritten Liga. Zudem wird die Auswahl und Bewertung von Referees wie Kempter, wie berichtet, transparenter organisiert – ganz im Sinne des designierten neuen Schiedsrichter-Chefs Herbert Fandel. Alle Profi- und Amateurvertreter votierten für Fandels Reform, ohne Gegenreden und Gegenstimmen. Nach 75 Minuten war alles vorbei. „Das hat mir Mut gemacht“, sagte Zwanziger und öffnete damit die Tür für seine nächste Amtszeit. Die Bundesliga will ihn nach seinen Demutsgesten unterstützen. „Wir werden ihn vorschlagen“, sagte Reinhard Rauball, Chef der Deutschen Fußball-Liga der Profivereine, dem Tagesspiegel. „Er hat ja offenbar seine Lehren gezogen.“

Der allumfassende Theo Zwanziger wird nicht abgedreht. Aber er wurde erst einmal heruntergedimmt.

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