Sport : Nicht mehr viel Luft

Warum Werder in die Champions League muss

Frank Hellmann[Bremen]

Jürgen Borns Wortwahl ist drastisch. „Da müssen wir durch – mit dem Holzhammer“, sagt der Vorstands-Chef des SV Werder Bremen vor dem Hinspiel der Champions-League-Qualifikation beim FC Basel am heutigen Mittwoch (20.45 Uhr, live auf Premiere). Einfacher Grund: Trotz hanseatischer Zurückhaltung können Fußballer auch in Bremen mittlerweile bestens verdienen. Darüber geredet wird ungern, aber eins ist klar: Passé ist das in der Ära des cleveren Managers Willi Lemke im Dauerzwist mit Uli Hoeneß und den Bayern bediente Image von den armen Schluckern aus Bremen.

Nachfolger Klaus Allofs bedient sich einer gänzlich anderen Philosophie, der Etat ist stetig gewachsen (Ansatz für 2005/06: 40 Millionen). „Nur in der Champions League erzielen wir zusätzliche Einnahmen“, sagt Allofs, in anderen Erlösbereichen sei am Standort Bremen „nicht mehr viel Luft“. 26 Millionen Euro lautet der nicht dementierte Betrag, der den Spielern in einer Saison zufließt. Die Prämien sind stark leistungsabhängig. „Bei sportlichem Erfolg müssen wir sehr viel Geld an die Spieler zahlen“, sagt Born. Dann streicht Topverdiener Johan Micoud mehr als drei Millionen Euro ein, sprengen Miroslav Klose und Torsten Frings die Grenze von zwei Millionen, der sich dank cleverem Vertragspoker auch Tim Borowski oder Ivan Klasnic angenähert haben. Auch Mitläufer wie Christian Schulz werden an der Weser mittlerweile mit einem Millionen-Gehalt entlohnt. Für Werder ist all das bezahlbar, da der Vorstoß ins Achtelfinale der Champions League vergangene Saison „etwas mehr als zwölf Millionen Euro brutto in die Kasse brachte“ (Born). Was aber, wenn das Geld jetzt ausbleibt?

Abschreckende Beispiele gibt es viele: Immer dann, wenn ein Klub es erstmals oder mal wieder in die Champions League schafft, steigt die Gefahr, die Gehälter auf ein Niveau zu heben, das allein durch die regelmäßige Teilnahme an der Champions League zu finanzieren wäre. Diese „Garantie“ hat, so warnt der Deutsche Fußball-Bund immer wieder, im Grunde nur der FC Bayern München. Erschwerend kommt hinzu, „dass die Einnahmen im Uefa-Cup mittlerweile lächerlich gering sind, dieser Wettbewerb erst ab dem Halbfinale interessant wird“, wie Leverkusens Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser sagt. Ohne gewaltige Zuwendungen der Bayer AG hätte der Klub kaum die Abstinenz vom internationalen Geschäft überstanden.

Erwin Staudt, Präsident des VfB Stuttgart, der zweimal miterlebte, wie die Schwaben von der Champions-League-Rängen auf einen Uefa-Cup-Platz taumelten, erinnert sich mit Grausen. „Du siehst 20 Millionen Euro Umsatz im Rasen versickern, danach hast du kein Blut mehr im Kopf.“ Auch das Finanzchaos bei Borussia Dortmund wurde mit durch das unglückliche Aus 2003 in der Champions-League-Qualifikation ausgelöst.

Bei Werder sind die Konsequenzen bei einem Ausscheiden nicht ganz so akut. „Wir geraten dann nicht sofort in eine wirtschaftliche Schieflage“, sagt Allofs. „Wir haben als Beruhigungstablette noch Reserven: Wir haben unsere Zukunft im Gegensatz zu anderen Vereinen nicht verkauft“, sagt auch Jürgen Born. Überdies könne man Aktien herausgeben oder den Stadionnamen verkaufen. Dennoch gibt Finanzexperte Born unumwunden zu: „Die Spieler könnten wir uns nach einem schlechten Jahr leisten – bei einem weiteren schlechten Jahr müsste man überlegen.“

Gestern hat Werder im Hilton Hotel in der Baseler Innenstadt Quartier bezogen, Allofs mochte über die immense Bedeutung der Partie bei den heimstarken Schweizern nicht mehr viel sagen. „Ich gehe davon aus, dass sich unsere Spieler ernsthaft mit dem Beruf auseinander setzen.“ Bremens Gegner ist sowohl sportlich als auch wirtschaftlich weitaus weniger unter Druck. Sportlich, weil niemand vom Schweizer Meister eine Wiederholung der wundersamen Champions-League-Saison 2002/ 2003 mit dem Einzug in die Zwischenrunde erwartet. Wirtschaftlich, weil es beim FC Basel die Vizepräsidentin und Mäzenin Gisela Oeri gibt. Die gelernte Physiotherapeutin ist schwerreich, weil sie den Erben des Schweizer Pharma-Riesen Roche, Andreas Oeri, heiratete. Sein Vermögen wird auf 17 Milliarden Euro geschätzt.

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