Sport : Nicht ohne ihre Mutter

Warum Jenny Thompson zurück ins Schwimmbecken kam

Frank Bachner

Barcelona. Margrid Thompson drückte fünf, sechs Mal auf den Auslöser ihrer kleinen Kamera. In diesem Moment konnte sie nur Fotos von ihrer Tochter machen, mehr ging nicht. Sekunden zuvor hatte es noch so ausgesehen, als wollte sie über die Barriere steigen – ein rührender, aber selbstverständlich erfolgloser Versuch. Kein Zuschauer kommt bei der Schwimm-WM an den Beckenrand, auch nicht die Mutter von Jenny Thompson. Die Tochter hatte gerade die Goldmedaille geholt über 100 m Schmetterling, und die Mutter hatte geschrien, das sah man deutlich. Aber man muss es anders sagen: Margrid Thompson hatte ihren Mund weit aufgerissen, aber Laute kamen kaum heraus. Margrid Thompson hat Kehlkopfkrebs.

„Ihr Zustand ist ernst“, hat Jenny Thompson mal dem US-Reporter Brian Cazeneuve vom Fachmagazin „Sports Illustrated“ gesagt. Das Leiden von Margrid Thompson und die Liebe ihrer Tochter zur Mutter sind ein wesentlicher Grund für den bisher sensationellsten Sieg bei dieser WM. Der WM-Erfolg von Jenny Thompson, 30, aus Dover, New Hampshire/USA. Denn Thompson hatte für 18 Monate ihre Karriere unterbrochen. Sie war sogar offiziell zurückgetreten nach den Olympischen Spielen 2000, als achtmalige Staffel-Olympiasiegerin, als erfolgreichste US-Schwimmerin aller Zeiten bei Olympia, an Popularität nur von der US-Schwimm-Legende Janet Evans übertroffen.

Im Frühjahr 2002 kehrte sie dann zum Sport zurück, zunächst mit nur 90 Minuten Training am Tag. Das Studium sei wichtiger, sagt sie. Jenny Thompson ist für Medizin eingeschrieben an der Columbia Universität in New York. Ein Zweitstudium. Jenny Thompson ist bereits promovierte Biologin.

Aber sie hat kein einziges Olympiagold in einem Einzelwettbewerb gewonnen. Jahrelang störte sie nur das. Doch dann bekam ihre Mutter Krebs, und nun hatte das Problem der fehlenden Olympiamedaille eine neue Qualität. Gold soll zum Symbol der Tochter-Liebe werden. Die Weltklasseschwimmerin will ihr Olympiagold ihrer Mutter schenken, sagte sie einem US-Reporter. In Barcelona redet sie nicht über die Krankheit ihrer Mutter, aber im US-Team wissen viele, wie sehr sie das Thema bewegt.

Im Sommer 2001 stieg sie wieder in den Pool. Anfangs war es mehr ein Herantasten an den Sport. Aber im Lauf der Zeit verfestigte sich der Gedanke an ein Comeback. Doch erst Wochen vor der WM, in einem Trainingslager, absolvierte sie, nach eigener Aussage, mehrere Trainingseinheiten am Tag. Ob man bei angeblich so geringem Trainingsaufwand und ohne weitere Hilfsmittel 57,96 Sekunden schwimmen kann wie sie beim Finale, die schnellste Zeit, die je bei einer WM erreicht wurde, ist eine andere Frage. In den USA stellen sie die nicht. Dort ist Jenny Thompson bei den Fans wieder die populärste Schwimmerin, sagen Reporter.

„Am 4. August“, sagt Jenny Thompson, „gehe ich wieder an die Universität zurück. Und zwar bis Dezember. Dann unterbreche ich das Studium und bereite mich auf die Olympischen Spiele vor.“ Sie redete nicht immer flüssig, als sie vor den Journalisten saß, direkt nach ihrem WM-Gewinn. Manchmal stammelte sie nur. Man muss das verstehen. „Ich bin völlig überwältigt“, sagte die 30-Jährige. Ihre Freude dürfte sie erst später richtig ausgelebt haben. Denn irgendwo in der Halle wartete ihre Mutter.

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