Sport : Nicht ohne Schulden

Herthas Geschäftsführer Schiller agiert unglücklich, hat aber nichts zu fürchten

-

Berlin - Bis 23.17 Uhr konnte er sich als der Sieger des Montagabends fühlen. Geschäftsführer Ingo Schiller hatte frische Zahlen zum 31. Oktober präsentiert, relativ gute Zahlen für den verschuldeten Bundesligisten Hertha BSC. Und als ein korpulenter Fan am Ende noch Trikots in XXXL bis XXXXL forderte, fühlte sich Schiller „für die Antwort prädestiniert: Meine Stimme haben sie“. Die Fans auf der Mitgliederversammlung lachten und gingen zufrieden nach Hause.

Ingo Schiller, Finanzgeschäftsführer bei Hertha, musste noch bis nach Mitternacht bleiben. Einige Journalisten umringten ihn, fragten nach, warum er den Schuldenstand zum 30. Juni 2006 nicht genannt hatte. Die Rekordschulden von 55,4 Millionen Euro ließen sich zwar mit Hilfe der Bilanz addieren, die Hertha ausgeteilt hatte. Allerdings wünschten sich viele eine öffentliche Nennung und Klärung der missverständlichen Rekordzahlen. Prompt war Schiller der ausgemachte Schuldige für die verunglückte Darstellung. Da war es schon Dienstag früh.

Der Eindruck verstärkte sich, als Aufsichtsratschef Werner Gegenbauer mit Schiller am nächsten Morgen zur Pressekonferenz bat. Gegenbauer entschuldigte sich für das Versäumnis Schillers: „Die Darstellung war sicher unglücklich. wenn Missverständnisse entstehen, müssen wir uns überlegen, ob wir alles richtig gemacht haben.“ Sachlich sei aber nichts falsch gewesen. Zugleich gelobte er Besserung und nahm Schiller in Schutz: „Keiner hat etwas bewusst verschwiegen.“ Schiller kam in der Aussprache wenig zu Wort. Es wirkte, als bekäme der 41 Jahre alte Geschäftsführer eine Belehrung in Öffentlichkeitsarbeit.

Schiller hat nichts falsch gemacht, nur eben nicht alles richtig. Kein Recht zwingt Schiller, den Rekordverlust im Geschäftsjahr 2005/2006 von 16,8 Millionen Euro und die Rekordverschuldung zum 30. Juni zu nennen. „Es ging um die wirtschaftliche Entwicklung eines Vereins und nicht um die Bilanzpressekonferenz einer Kapitalgesellschaft“, sagte Gegenbauer. Ohnehin waren die Gewinn- und Verlustrechnung und die Bilanz vorläufig, der Jahresabschluss muss noch von einem Wirtschaftsprüfer testiert werden. Dennoch fühlten sich einige durch die verspätete Aussprache an die Schwierigkeiten erinnert, die der Klub bereits beim Umgang mit Schuldenzahlen hatte.

Dabei ist Schillers Verhalten nicht mit dem von Rupert Scholz zu vergleichen. Der hatte als damaliger Aufsichtsratsvorsitzender im Herbst 2005 in einem Fernsehinterview wider besseres Wissen falsche Zahlen genannt und den Schuldenstand „zwischen 10 bis 20 Millionen Euro“ beziffert. Zu diesem Zeitpunkt hatte Schiller längst Schulden in Höhe von 35 Millionen Euro eingeräumt. Ein halbes Jahr später folgte Gegenbauer dem ehemaligen Verteidigungsminister als Aufsichtsratsvorsitzender. Von dort aus drängt Gegenbauer nun Schiller zur unmissverständlicheren Vermittlung von schlechten Zahlen.

Bei der diesjährigen Mitgliederversammlung wurden nur Zahlen vom 18. Juli präsentiert, weil erst dann zwei vermeintlich verspätete Zahlungen eingegangen waren. Zu diesem Zeitpunkt betrugen die Schulden nur noch 48,6 Millionen Euro. Darüber hinaus warf Ingo Schiller Folien vom 31. Oktober an die Wand: Hertha hat seine Schulden weiter reduziert, sie betrugen zu diesem Tag nur noch 45,2 Millionen Euro. Der Bundesligist verbucht aufgrund der guten Platzierung und der höheren Fernsehgelder mehr Einnahmen als erwartet. „Mit einer konservativen Planung sind wir im Zielkorridor“, sagte Schiller. Doch die Zahlen bieten wenig Vergleichsmöglichkeit. Zumal der Klub nicht nennen wollte, welche beiden Beträge zum 30. Juni noch gefehlt hatten. „Eigentlich hatten wir eine Erfolgsgeschichte zu vermelden“, sagte Gegenbauer. Deswegen ärgerte sich Hertha besonders über die Kommunikation.

Schillers Position dürfte dennoch kaum geschwächt sein. An der Sachkompetenz des Diplom-Kaufmanns zweifeln nicht einmal seine Kritiker. Die Kommunikationsschwierigkeiten, die Schiller zuweilen hat, werden in Kauf genommen. Er hat schon lange im Klub etwas zu sagen, war schon im Alter von 33 Jahren Präsidiumsmitglied. Sein Vertrag wurde im September 2005 bis zum 30. Juni 2010 verlängert, kurz nach der Verlängerung mit dem anderen Geschäftsführer, Dieter Hoeneß.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben