Sport : Nicht schuldig?

Frank Bachner

Vielleicht wird der Tagesordnungpunkt sieben am spannendsten. "Entlastung des Vorstands", lautet er. Bis dahin dürfte es am Sonnabend bei der Mitgliederversammlung des Tennisklubs Rot-Weiß hoch hergegangen sein. 2,6-Millionen-Mark-Loch in der Bilanz 2000/2001, Luftbuchungen, lustig ist das nicht für die Mitglieder. Und bestimmt wird irgendjemand fragen, wer dafür verantwortlich ist. Eine spannende Frage. Die hängt ganz eng mit der Entlastung des Vorstands zusammen. Denn ein Teil der Verantwortlichen des Finanzdebakels ist unverändert im Amt. Und nichts deutet darauf hin, dass diese Funktionäre persönlich Konsequenzen ziehen werden. Beispiel: Hans-Jürgen Jobski. Im alten Vorstand, dem das jahrelange Finanzloch nicht auffiel, war er Vizepräsident. Er ist es immer noch. Beispiel Wolfgang Wever: Seit Frühjahr 2000 ist er Schatzmeister. Er amtiert immer noch. Einen ganz steilen Aufstieg machte Gunnar Streidt: Bis September 2001 war er Chef des Finanzausschusses, dann wählte ihn im September 2001 der Klubausschuss zum neuen Präsidenten von Rot-Weiß. Auch Achim Schabaker rückte auf. Er war jahrelang Kassenprüfer, im September 2001 stieg er ins Präsidium auf. Jetzt ist er Schriftführer.

Joerg Scholz und Hartmut Fromm zogen dagegen Konsequenzen: Scholz trat als Präsident zurück, Fromm als Schriftführer. Scholz sagte: "Der ganze Vorstand versagte." Blödsinn, signalisiert Vizepräsident Jobski: "Wir sind nicht schuldig", sagte er dem Tagesspiegel. Im Vorstand ist er für die inneren Angelegenheiten des Klubs zuständig.

Seltsamer Rücktritt eines Vorstands

Aber weil Jobski so denkt, hatte er auch keine Probleme mit einem besonders wendigen Schachzug. Im September 2001, bei einer Sitzung des Klubausschusses, trat der gesamte Vorstand zurück. Eine Reaktion auf die verheerenden Zahlen. Nur fünf Minuten später allerdings wählte der Ausschuss satzungsgemäß einen neuen Vorstand. Und da rückten wundersamerweise sowohl Jobski als auch Wever wieder in die Ämter, die sie gerade abgegeben hatten. Und Streidt wurde neuer Präsident.

Nicht verantwortlich? Der Schatzmeister? Der Mann, der kraft seines Amts für die Finanzen des Klubs zuständig ist? Veranlasst hatte die Buchungen zwar der kommissarische Klubdirektor Eberhard Wensky. Aber Schatzmeister Wever hatte mit Wensky den Haushaltsabschluss aufgestellt. "Da hätte ihm etwas auffallen müssen", sagt ein hochrangiger Insider. Aber Wever fiel nichts auf. Jedenfalls sagte er im Vorstand nichts. Auch Kassenprüfer Schabaker nicht verantwortlich? "Die Buchhaltung im untersuchten Zeitraum war in einem ungeordneten Zustand", notierten die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young in ihrem Bericht über Rot-Weiß. Und die massiven roten Zahlen in der Bilanz 2000/2001 seien "durch ein mangelhaftes Kontrollumfeld im Rechnungswesen (...) entstanden." Kassenprüfer war damals Schabaker. Laut Satzung hat der Kassenprüfer "die gesamte Buchhaltung des Klubs einschließlich der Kasse auf die Ordnungs- und Rechtmäßigkeit zu überprüfen."

Steuerberater wird zum Buhmann

Und Gunnar Streidt, der Ex-Chef des Finanzausschusses, auch nicht verantwortlich? In seinem Ausschuss saß der Schatzmeister, Streidt hätte sich Unterlagen vorlegen lassen müssen. Er hätte von Wensky jederzeit die Belege fordern können. In den Bilanzen 98/99 und 1999/2000 stand fein säuberlich, dass Einkommenssteuern für das Damen-Turnier German Open einbehalten wurden. In Wirklichkeit handelte es sich um Quellensteuern, die schnell ans Finanzamt hätten bezahlt werden müssen. Streidt hatte nichts bemerkt. Dafür zeigen er und Jobski mit ausgestrecktem Finger auf den Steuerberater Joachim Saßnick, der jahrelang die Rot-Weiß-Bilanzen erstellte. Saßnick betont aber, er habe die Bilanzen nie geprüft.

Hartmut Fromm, der zurückgetretene Schriftführer, definiert Verantwortungsgefühl offenbar anders. Er hat den Antrag gestellt, die Wahl der Klubausschussmitglieder Ende 2000 zu annullieren. Fromms Argumentation ist einfach: Bei der Wahl der Ausschussmitglieder, darunter Jobski, Wever und Streidt, hätten den Vereinsmitgliedern falsche Zahlen vorgelegen. Die Bilanz 1999/2000 war nachweislich falsch. Zudem sei der alte Vorstand vor dem Hintergrund dieser falschen Zahlen entlastet worden.

Geht der Antrag durch, verlieren Streidt, Jobski und die anderen Vorstandsmitglieder ihr Amt. Denn das Präsidium darf nur aus Mitgliedern des Klubauschusses bestehen. Wenn dessen Mitglieder aber zurücktreten müssen, muss auch der Vorstand gehen. Streidt, Jobski oder Wever könnten natürlich für den neuen Klubausschuss kandidieren. Nur: Ob sie nach dieser Bilanz auch gewählt werden, ist überaus fraglich.

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