Sport : Nicht von dieser Welt

Zwischen Pasching und Favoriten: Warum Austria Wien für den Trainer Christoph Daum keine Dauerlösung sein kann

Detlef Dresslein

Wien. Der Volksheld war da und verlieh dem eher schäbigen Franz-Horr-Stadion im Wiener Stadtteil Favoriten den Glanz, den man sich sehnlichst wünscht. „So einer wird bei uns nie vergessen", schwadronierte der Stadionsprecher, und das Volk tobte. Und als „er" dann auch noch zum Mittelkreis ging, um „mit seinem magischen Fuß den Anstoß durchzuführen", da war es um die Ruhe an diesem sonnigen Herbstnachmittag endgültig geschehen. Sie feierten ihren Helden, sie feierten ihren Toni Polster, der zu Besuch bei seinem ehemaligen Klub war.

Ein anderer schlich derweil fast unbemerkt zur plexiglasüberdachten Ersatzbank, lehnte sich gegen die linke Außenstange und zeigte kaum eine Regung, als der Stadionsprecher, deutlich weniger enthusiastisch als beim „magischen Fuß" des Toni Polster, ins Mikro krächzte: „Und wir haben einen neuen Trainer: Christoph Daum." Artiger Applaus von den Rängen, aber längst nicht von allen der 7315 Zuschauern. Daum war da, sein erstes Heimspiel mit Austria Memphis Magna Wien in der T-Mobile-Bundesliga. Nach der sensationell anmutenden Inthronisierung vor zwei Wochen ein an sich hochbrisantes Szenario. Nur die Fans schien es nicht groß zu interessieren.

Was die von der Vereinspolitik halten, die Präsident Franz Stronach und sein Adlatus Peter Svetits veranstalten, das taten sie ausgiebig kund. „Svetits raus" stand auf einem Transparent, im Fanzine „Austria aktuell" wurde „Unser Trainerfriedhof" veröffentlicht, die zwölf Trainer der Austria seit 1997. Der ausdauerndste war noch Wolfgang Frank (jetzt in Unterhaching) der sich 348 Tage hielt und damit fast ein ganzes Jahr. Alle anderen bleiben hinter der Rekordmarke zurück, auch so prominente Namen wie Arie Haan (153 Tage), Herbert Prohaska (339 Tage) oder Walter Schachner (124 Tage). Gerade die von vielen Fans und Medien als „menschenunwürdig" betitelte Entlassung des drögen, aber beliebten und erfolgreichen Walter „Schoko" Schachner brachte die violette Fangemeinde endgültig gegen Stronach und Svetits auf.

In Daums erstem Heimspiel gegen Salzburg (0:0) waren nach 75 Minuten die ersten „Scho – ko Schach – ner"-Rufe aus Richtung der Westtribüne, dem Hort der harten Austria-Fans, zu hören. Daum ließ das kalt. „Es ist klar, dass solche Reaktionen kommen, wenn man die Interna nicht kennt", sagte er, ohne diese natürlich zu verraten.

Rumpelstilzchens Ende

Während des Spiels gegen den Drittletzten Salzburg stand Daum fast neunzig Minuten lang an die Überdachung gelehnt, ließ sich fast die ganze erste Halbzeit lang von einer Kamera filmen, sagte und tat wenig. „Die Rumpelstilzchen-Zeit ist sicherlich vorbei. Außerdem bin ich älter und ruhiger geworden", sagte er später über seine ungewöhnliche Zurückhaltung.

Das Spiel war irgendwo zwischen grauenvoll und unterirdisch einzuordnen, und die abstiegsbedrohten Salzburger hätten gar gewinnen können, hätten sie nicht gleich drei Riesenchancen jämmerlich verschleudert. Das Stadion war zum Beginn der neuen Ära nur zu zwei Dritteln gefüllt.

Zweitklassiger Fußball ohne Stimmung – womöglich wurden bei Daum schon erste Zweifel an seiner Entscheidung wach. Denn 7000 Zuschauer bleiben 7000 Zuschauer, und damit wäre in Deutschland mancher Zweitligist unzufrieden. Auch wenn Daum tapfer sagt: „Die Anzahl der Zuschauer korreliert mit der Spielweise der Mannschaft." Und: „Auch 7000 machen hier eine gute Atmosphäre." Beim Amtsantritt eines Christoph Daum muss ein solches Stadion aber doch eigentlich voll sein.

Und ob das kolportierte Honorar von 3,2 Millionen Euro und die vage Aussicht auf ein paar Champions-League-Spiele diesen nach wie vor ehrgeizigen Christoph Daum auf Dauer Spiele wie gegen Salzburg oder den SV pluscity Pasching oder den SV Josko Ried ertragen lassen, scheint fraglich. Denn eines, das machte dieser Nachmittag im Franz-Horr-Stadion bereits deutlich: Das hier ist eigentlich nicht Daums Welt. So bügelte er gleich nach dem Spiel die Leistung des alternden Ballzauberers Djalminha ab, nicht ohne en passant das Publikum zu schelten: „Er hat Dinge drauf, da tobt das ganze Stadion, weil man so etwas hier noch nicht gesehen hat. Aber woanders hat man das hundertmal gesehen. Bei ihm fehlt die Zielgerichtetheit, schließlich zählen im Fußball Tore und nicht die künstlerische Note."

Aus Sicht eines Spitzentrainers in einer Spitzenliga ist das sicher ein gutes Argument. In Österreich aber ist man doch froh, überhaupt einen wie Djalminha zu haben, der den Ball nicht nur drischt, sondern auch mal gut behandelt. Wenn auch oft ohne Ergebnis.

Hohe Ziele, prominente Kandidaten

Die Ziele bei Austria Wien sind jedenfalls hoch gesteckt. In der Champions League will man mitspielen, wobei Daum mit der ersten Gruppenphase schon zufrieden wäre, Stronach aber in der Austria einen „Dauerkandidaten fürs Viertelfinale" sehen will. Als Nächstes soll der Brasilianer Mario Jardel verpflichtet werden, nachdem man ja im August auch schon Stefan Effenberg holen wollte. Weitere sollen folgen, und spätestens im Frühjahr soll dann auch Daums trainerliche Handschrift erkennbar sein. Der vormalige Leverkusener hat einen Dreijahresvertrag unterschrieben und kann sich vorstellen, auch noch viel länger zu bleiben, „wenn es passt". So lange, bis Stronach, der mit Autozubehör Milliarden gemacht hat, die Lust an seinem Spielzeug Austria Wien oder seiner neuesten Attraktion Christoph Daum wieder vergangen ist. Oder Daum keine Lust mehr hat, Woche für Woche zweitklassigen Fußball zu verantworten.

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