Sport : Nichts ist unmöglich, doch auch wenig wahrschinlich

Detlef Dresslein

Ottmar Hitzfeld hätte sich fast verplappert. "Wir hatten sechzehn Spiele in der Champions League, vielleicht hat das den Titel ..." Dann stockte der Trainer des FC Bayern München und schwenkte gerade noch rechtzeitig zum Konjunktiv um: " ... das hätte vielleicht den Titel kosten können. Man muss ja aufpassen, was man sagt." Und dazu lachte er und sah beinahe ein wenig entspannt aus.

Irgendwie sind die Bayern auch froh, dass alles nicht mehr in ihrer Hand liegt. Sie wirken müde in diesen Tagen, die Spannung hat nachgelassen. "Wir haben genug Kommentare abgegeben. Das Thema ist tausendmal durchgekaut", sagte Hitzfeld als er auf die Unterhachinger Unterstützung angesprochen wurde. Fußball-Deutschland erwartet ein spannungsgeladenes Fernduell, die Luft soll brennen an diesem Sonnabend zwischen München und dem Münchner Vorort.

Die örtlichen Boulevardzeitungen überboten sich und kommen dabei schon mal leicht durcheinander. Zum "Finale Furioso" hatte eine am Mittwoch noch "vier Tage" gezählt, am Tag darauf waren es noch "zwei Tage". Eine andere Zeitung listete sämtliche "Wunder" der finalen Spieltage aus dreißig Jahren Bundesliga auf. Die Bayern dagegen haben längst ihren Frieden gemacht, sind irgendwie mit dem Erreichten zufrieden. Weil sie wissen, dass nach "sechzig Spielen, oder wie viel wir in dieser Saison gemacht haben" (Ottmar Hitzfeld), all die unvollkommenen Erfolge doch auch ganz beachtlich sind. Sie wollen jetzt noch gegen Werder Bremen gewinnen, um dann sagen zu dürfen: Schade, aber wir haben ja noch mal alles versucht.

Also machte sich Ottmar Hitzfeld einen Spaß daraus, die sensationsheischenden Menschen hinter Kameras und Notizblöcken zu foppen. Was denn in seinem Terminkalender für den Sonnabend stehe, wurde Hitzfeld gefragt. "Meisterfeier" sagte Hitzfeld und lachte. Und auch wenn er kein Zocker sei, würde er sofort fünfzig Mark darauf setzen, dass Bayern noch Meister wird. Aber was soll man auch sagen, wenn man auf die Niederlage des Konkurrenten angewiesen ist.

Das Bemühen um eine positive Sichtweise ist auf beiden Seiten groß. Einer wollte die Knackpunkte der Saison erfahren. Ottmar Hitzfeld fielen sogleich die erfreulichen "Knackpunkte" ein. Das Hinrundenspiel in Frankfurt etwa, als man zu zehnt und mit einem Torwart Michael Tarnat einen Rückstand zum Sieg formte. Und das Gegenstück dazu in der Rückrunde, als in Freiburg Ähnliches gelang. Aber weil es voraussichtlich nicht reichen wird zur Meisterschaft, werden letztlich nur die negativen Knackpunkte wichtig sein.

Schließlich kennt diese Situation nur schwarz oder weiß. Negativ war für Ottmar Hitzfeld die "enorme Belastung im März und April". Die hätten letztlich auch zur "enttäuschenden Leistung im Derby" geführt, als die Bayern durch die 1:2-Niederlage gegen 1860 den ersten Platz bis heute verloren. Damals verlor man auch die Orientierung. Gerade noch tolle Spiele gegen Real Madrid (4:2 und 4:1), dann mussten die Bayern nach Wolfsburg und spielte unentschieden. Dann nach Berlin und spielten unentschieden. Und das sollte nicht mehr reichen. "Wir hatten nie einen Einbruch, haben nie zweimal hintereinander verloren", sagt Hitzfeld. Und nach dem Ausscheiden aus der Champions League klangen die Kommentare ebenso verblüfft wie enttäuscht. "Wir haben dreimal gegen Real gewonnen - und sind ausgeschieden", sagte Vereinspräsident Franz Beckenbauer.

Nach dem Spiel gegen Real Madrid begann die Trotzphase. Und irgendwie sagten alle das gleiche. "Wir haben Großartiges geleistet", erzählte Hitzfeld immer wieder. Unmittelbar nach dem Ausscheiden verkündete Präsident Franz Beckenbauer, dass er gleich in die Kabine gehen werde "und der Mannschaft sage, dass sie stolz sein kann." Mannschaftskapitän Stefan Effenberg schließlich noch in der vergangenen Woche: "Wir haben Großartiges geleistet, das darf man nicht vom Gewinn der Meisterschaft abhängig machen".

Die Münchner Linie ist klar und jeder vertritt sie: Das halbleere Glas wird konsequent als halbvoll angesehen. "Wir haben uns in den vergangenen zwei, drei Jahren in die europäische Spitze gespielt. Wir zählen wieder zu den fünf besten Teams des Kontinents; und es ist uns auch in diesem Jahr wieder gelungen, das Image und den Stellenwert des FC Bayern zu verbessern", sagte Vize-Präsident Karl-Heinz Rummenigge in einem Interview. Image und Stellenwert, gut und schön, aber die Bayern merken dieser Tage, dass für sie höhere Ansprüche gelten, als für alle anderen. "Was heißt hier überheblich? Das ist halt der FC Bayern. Wo wir stehen, dahin muss erst einmal ein anderer Klub kommen. Aber das schafft eh keiner", sagte Stefan Effenberg kürzlich. Solche Aussagen bedingen aber den kompletten Erfolg, und der beinhaltet auch wichtige Titel.

Die trotzige Umwidmung des knappen Scheiterns zum Erfolg ist vor allem damit begründet, dass alle den FC Bayern als großen Verlierer sehen. Den Münchnern bleibt das bittere Fazit, dass sie sich in der selbstgewollten Geldvermehrungsmaschine Champions League übernommen und verausgabt haben. Die Konzentration für die Deutsche Meisterschaft fehlte letztlich - aber das darf jetzt keiner zugeben. Ein wenig pikiert haben die Bayern registriert, dass ausgerechnet die Leverkusener, die so peinlich aus allen Europapokalen und auch aus den DFB-Pokal relegiert wurden und fortan im lockeren Wochenend-Rhythmus in der Bundesliga aufspielen konnte, sich jetzt ob ihres tollen Fußballs feiern lassen. Von den Bayern, die in allen Wettbewerben mit vorne landeten, spricht keiner. Bitter klingt es da, wenn Stefan Effenberg ganz betont sagt: "Ja, national hat Leverkusen Tolles geleistet." www.fcbayern.de

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