Nick Heidfeld : Schwarz vor Augen

Der erste Sieg ist immer noch in weiter Ferne: Die WM-Hoffnung Nick Heidfeld kommt nicht voran, weil er mit den Reifen nicht klarkommt.

Christian Hönicke
Heidfeld Foto: AFP
Nick Heidfeld. Raus aus dem Dunkeln. -Foto: AFP

Monte CarloDieser Tage hat Nick Heidfeld einen kleinen Einblick in sein Seelenleben gegeben. Er sollte verraten, mit wem er gern mal einen Tag tauschen wollte. „Ich wäre gerne im Weltall – und zwar als Astronautin“, erzählte Heidfeld im „Kicker“. „Auch gleich noch in einem Frauenkörper, das wären zwei Fliegen mit einer Klappe.“ Die Sehnsucht des 31-Jährigen nach einer Geschlechtsumwandlung in den dunklen Weiten des Universums mag ein lang gehegter Kindheitstraum sein, dennoch umweht sie auch ein zarter Hauch von Eskapismus. Denn als Mann und Formel-1-Pilot läuft es für Heidfeld hier unten auf den Straßen der Erde derzeit nicht so besonders. „Die Formel 1 ist mein Leben“, sagt er, „aber meine momentane Situation genieße ich nicht unbedingt.“ Vor dem Großen Preis von Monaco am Sonntag liegt der BMW-Sauber-Fahrer im nach allgemeinen Formel-1-Maßstäben für die Schnelligkeit eines Piloten entscheidenden internen Qualifikationsduell gegen Robert Kubica in dieser Saison 0:5 zurück. Nach einem durchaus gelungenen Saisonstart hat die größte deutsche WM-Hoffnung zusehends Boden auf seinen polnischen Teamkollegen eingebüßt.

Noch einmal kurz zurück ins Innere: Heidfeld hat auch erzählt, wie er seine Freundin Patricia kennen gelernt hat. In einer Mönchengladbacher Disko „habe ich mir genug Mut angetrunken, um sie anzusprechen. Ich hatte sogar eine Sonnenbrille auf. Das sah in der dunklen Disko sicher völlig bescheuert aus.“ Viele Jahre später hat er seine Augen ungeachtet des wolkenverhangenen Himmels über Monaco und der Tatsache, dass er sich in der überdachten BMW-Zentrale aufhält, wieder hinter schwarzen Gläsern versteckt. Doch der Mund darunter gibt Auskunft darüber, wie es hinter dem Blickschutz aussieht. „Natürlich mache ich mir viele Gedanken, warum es vor allem im Qualifying nicht so läuft“, sagt er. Er habe den einen oder anderen Anhaltspunkt: „Es ist möglich, dass es an den Reifen liegt.“

Jahrelang war Heidfelds weicher, runder Fahrstil eine starke Währung in der Formel 1, weil sich die schwarzen Walzen darunter nicht so schnell abnutzten. Nun, nachdem die Heizdecken zum Anwärmen der Reifen verboten worden sind, entwickelt er sich zum Nachteil - und das ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, da sich BMW-Sauber anschickt, ein Spitzenteam zu werden und endlich die Voraussetzungen für Heidfelds ersten Sieg nach achteinhalb Jahren Formel 1 zu schaffen. Heidfeld: „Ich habe mit meiner Fahrweise Probleme, die Reifen auf Temperatur zu bekommen.“ Diese Probleme potenzieren sich im Verlauf eines Rennwochenendes: Kubica bringt mit seinem wilden Herumreißen am Lenkrad die Reifen vor allem im Abschlusstraining schneller auf die erforderliche Betriebstemperatur, steht deswegen in der Startaufstellung regelmäßig vor Heidfeld und bringt diesen Vorsprung im Rennen meist über die Runden. So hat der Pole die Verhältnisse des Vorjahres umgekehrt und den Deutschen mittlerweile in der WM-Wertung mit 24:20 Punkten hinter sich gelassen, und auch am ersten Trainingstag in Monaco sah Heidfeld wieder nur Kubicas Auspuff. Das hat längst auch Mario Theissen registriert, der den Mönchengladbacher vor zwei Jahren für viel Geld von Williams ins neue BMW-Team transferierte. Der Teamchef gibt sich noch zurückhaltend: „Druck würde jetzt überhaupt nicht weiterhelfen. Wir haben letztes Jahr keinen Druck auf Robert gemacht und machen auch jetzt keinen auf Nick.“ Da Heidfeld ein großes Technikverständnis habe, „glaube ich, dass er Chancen hat, das zu lösen“. Das wird Heidfeld bei aller Drucklosigkeit allerdings auch müssen, um einen dauerhaften Verbleib bei BMW sicherzustellen.

Heidfeld weiß das. „Ich suche keine Ausflüchte“, erklärt er, „ich muss mich verbessern. Ich hoffe, es auf kurz oder lang wieder hinzukriegen.“ Nach einer Sekunde schiebt er hinterher: „Besser auf kurz.“ Andernfalls nämlich könnte ihm tatsächlich irgendwann ein Arbeitsplatzwechsel drohen – und das nicht nur für einen Tag.

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