Nico Rosberg : "Ich träume in vier Sprachen"

Formel-1-Kosmopilot Nico Rosberg fährt für Deutschland, hat aber nie wirklich dort gelebt. Ein Gespräch über Gartenzwerge, falsche Hymnentexte und deutsche Witze.

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Rosberg
Nico Rosberg -Foto: dpa

Herr Rosberg, Sie reisen mit einem Wohnwagen zu den europäischen Rennen. Haben Sie einen Duftbaum am Rückspiegel?

Einen was?

Einen Duftbaum.

Nein.

Gartenzwerge?

Nein. Ich habe zwei Engel am Rückspiegel hängen. Okay, war ein Witz.

Duftbaum und Gartenzwerg gelten als typisch deutsch.

Ach so, Schrebergartenidylle und so. Der Ralf Schumacher hatte mal zwei Gartenzwerge vor seinem Wohnwagen stehen, aber ich weiß nicht, ob das seine waren oder ob sie ihm die hingestellt haben.

Was ist für Sie typisch deutsch?

Weißwurst, Blumenkohl, Kartoffelsalat. Meine Mutter macht das zu Hause, vor allem zur Weihnachtszeit.

Und abgesehen vom Essen?

Disziplin. Und dieses Überbesserwisserische. Jeder denkt, er wisse es besser.

Das sind eher negative Aspekte.

Kommt drauf an. Disziplin kann auch gut sein. Mir fällt noch Fußball ein, das ist auch typisch deutsch. Gestern habe ich mit Elton vom Fernsehen gespielt, der hat mir fast den Fuß gebrochen. Aber er hat den Ball gespielt.

Die deutsche Manndeckerschule. Was fühlen Sie, wenn Sie nach Hockenheim zum deutschen Grand Prix kommen?

Das ist schon etwas Besonderes. Meine Oma wohnt hier direkt nebenan und meine Mutter kommt aus Wiesbaden. Und dann die vielen deutschen Fans.

Wie oft sind Sie in Deutschland?

Ich werde in der Sportklinik Bad Nauheim betreut und komme deswegen öfter hierher. Im gleichen Abwasch besuche ich dann Familie und Freunde.

Viele Fußballer freuen sich darauf, die Nationalhymne zu hören. Wenn Sie von Ihrem ersten Sieg träumen, denken Sie an die deutsche Hymne?

Leider eher weniger, weil ich eben nie in Deutschland gelebt habe. Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, das würde mich sehr bewegen.

Können Sie den Text?

Ähm, ja. Durch den Fußball. Aber ich muss aufpassen, weil ich irgendwie noch die alte Melodie im Kopf habe.

Die DDR-Melodie?

Ich weiß nicht. Da, wo dieses „Über alles“ drin vorkommt.

Das ist eine der ersten beiden Strophen der bundesdeutschen Hymne. Es wird nur noch die dritte gesungen.

Aha. Das habe ich irgendwie noch im Kopf, ich habe keine Ahnung warum. (beginnt zu singen) … und für das deutsche Vaterland … und Recht und Freiheit …

In welcher Sprache träumen Sie?

Träumt man wirklich in Sprachen?

Manche schon.

Ich kann vier Sprachen sehr gut, ich denke, das wechselt sich ab.

Innerhalb eines Traums?

Nein. Wenn ich zum Beispiel viel mit meinen italienischen Freunden mache, dann träume ich eher italienisch, denke ich. Muss ich mal drauf achten.

Sie haben viel mit Italienern zu tun?

Ja, mit ihnen komme ich am besten klar. Das ist sehr entspannt. Meine Freunde sind auch alle Italiener, deswegen bin ich auch mit dieser Mentalität aufgewachsen. Ich war einer der wenigen internationalen in einer Italiener-Gruppe.

Waren Sie „der Deutsche“ in der Gruppe?

Ja. Am Anfang konnte ich kein Italienisch, da war das schwierig. Aber selbst jetzt, wo ich fließend Italienisch kann, sprechen sie noch Englisch mit mir, weil sie nicht verstehen können, dass ich auf einmal die Sprache gelernt habe.

Sie wohnen in Monaco. Haben Sie dort Franzosen kennen gelernt?

Weniger, eigentlich fast gar keine. Das ist so wie die Deutschen und die Türken in Berlin, man lebt so neben sich her.

Gibt es eine deutsche Gemeinde in Monaco, wie Little Italy oder Chinatown?

Nicht wirklich. Mein bester Freund in der Schule war ein Deutscher, Maro Engel, der jetzt in der DTM fährt. Er, seine Familie und noch eine befreundete Familie waren die einzigen Deutschen, mit denen ich wirklich Kontakt hatte.

Italiener und Deutsche lieben ihre Autos auf unterschiedliche Art. Die einen nutzen es als praktisches Accessoire, die anderen putzen es. Welcher Typ sind Sie?

Ich weiß nicht, ob man das so generalisieren kann. Aber ich habe schon echt Schwierigkeiten damit, mein Auto so zu pflegen, dass das immer picobello ist.

Welcher Fahrstil liegt Ihnen mehr? Exakt-deutsch oder intuitiv-italienisch?

Ich versuche, am schnellsten von A nach B zu kommen – ohne zu rasen, natürlich.

Beachten Sie Straßenlinien?

Wenn einer mitten auf der Straße schläft, bin ich sehr schnell vorbei, egal ob da eine Linie ist oder nicht. Ich mache nichts Gefährliches, aber weiße Linien gibt es bei mir nicht. Das habe ich beim Rennsport gelernt.

Welche Staatsbürgerschaft haben Sie?

Ich bin Deutscher und Finne.

Ist es Ihnen schwer gefallen, sich für eine Nation zu entscheiden?

Ja. Aber Finnland ist noch viel weiter weg und da spreche ich nicht einmal die Sprache. Außerdem bin ich mit der deutschen Kultur aufgewachsen. Ich gucke jeden Tag deutsches Fernsehen.

Lesen Sie deutsche Zeitungen?

Die „Bild“. Auch wenn man das nicht sagen darf (lacht).

Das ist sehr deutsch. Sie sind also informiert über das Land, in dem Sie nie gelebt haben?

Auf jeden Fall. Die Kultur und die Menschen interessieren mich schon. Was so in der Politik los ist, allerdings überhaupt nicht – ich lebe ja nicht da. Aber bei Klatsch und Tratsch und dem Sport bin ich auf dem Laufenden.

Wäre Ihnen eine Formel 1 ohne Nationen lieber?

Nein, ich finde es gut, dass ich für Deutschland fahre. Das ist schön.

Wäre die Welt ohne Nationen besser?

Ich glaube, Religionen sind das wichtigere Thema. Es gibt eben Unterschiede, und da ist es auch okay, wenn man das in Nationen einteilt. Problematisch sind die Glaubensunterschiede, da kommen ja meistens die Konflikte her.

Apropos Unterschiede: Ist deutscher Humor witzig?

Deutscher Humor… Ich habe da viel von meinem Vater, aber ich weiß nicht, ob das jetzt deutsch oder eher finnisch ist. Ich weiß nur, dass viele meinen Humor nicht verstehen.

Gibt es Gags, die in anderen Sprachen einfach besser funktionieren?

Natürlich. Gestern auf dem Fußballplatz habe ich nach Eltons Foul zu einem Deutschen gesagt: „Ich habe da drüben meinen Fuß verloren, der liegt immer noch da.“ Im Italienischen ist das normal, im Deutschen klingt das etwas komisch.

Sind deutsche Witze trockener, italienische vielleicht blumiger?

Wahrscheinlich schon. Ich habe aber gelernt, in jeder Sprache den spezifischen Humor zu benutzen. Wenn ich Italienisch spreche, bin ich voll im italienischen Humor drin, wenn ich Deutsch spreche, eher im deutschen.

Sind Sie anders drauf, wenn Sie Deutsch sprechen?

Ja, ich bin viel weniger euphorisch, viel sachlicher. Im Italienischen ist ja alles Quatsch, da kommt nichts Richtiges dabei raus (lacht). Wenn ich jetzt den Chef von Ferrari treffen würde, würde ich mit dem sofort losquatschen, Blödsinn erzählen und so. Wenn ich einen deutschen Teamchef treffe, ist das erstmal per Sie und sofort viel seriöser. Ich mag eher diese italienische Art, das ist relaxter. Natürlich kann das auch zu viel sein, wenn es beispielsweise um den Beruf geht.

Haben Sie Wahlrecht in Deutschland?

Keine Ahnung. Aber wie gesagt, das interessiert mich auch nicht.

Haben Sie schon mal aus Spaß den deutschen Einbürgerungstest probiert?

Das gibt es wirklich?

Ja, man muss etwa ankreuzen, wann die Bundesrepublik gegründet wurde.

Nein! Und wenn man das nicht weiß, darf man nicht in Deutschland leben?

Es ist so eine Art Aufnahmeprüfung. Wissen Sie, wann die Bundesrepublik gegründet wurde?

Boah, keine Ahnung, ob das jetzt mit Weimar, dem Zweiten Weltkrieg oder dem Fall der Mauer 1989 zu tun hat. Aber ich würde mal schätzen, der Krieg war 1945 zu Ende, also ist die Bundesrepublik 1946 gegründet worden.

Gut kombiniert. Aber es war 1949.

Und was bringt das?

Angeblich Identifikation und Integration. Wenn man Sie fragt, woher Sie kommen, was sagen Sie dann?

Ich sage immer, ich bin ein Deutscher, der in Monaco lebt.

Manchen ist es unangenehm zuzugeben, dass man Deutscher ist.

Nein, warum unangenehm? Ich bin ja Deutscher.

Haben Sie manchmal das Bedürfnis nach mehr nationaler Identität?

Ein bisschen mehr wäre schon toll. So wie Lewis Hamilton, der nach seinem Sieg in Silverstone mit der britischen Flagge auf dem Podest stand, weil es sein Zuhause ist. Das wäre bestimmt ein schönes Gefühl, das es bei mir leider so nicht geben wird. Aber das Kosmopolitische hat auch Vorteile, weil ich mit vielen Nationen umgehen, mich integrieren kann.

Deutsche Autos genießen einen guten Ruf. Würden Sie in der Formel 1 gern in einem sitzen?

Irgendwann könnte ich mir das vorstellen. Das wäre schön, ja. Besonders, weil die beiden deutschen Teams tatsächlich stark sind und gute Autos bauen. Das ist mir wichtig. Ich will Rennen gewinnen.

Lieber in einem italienischen oder einem deutschen Auto?

Italienisch wäre auch toll. Das würde mir bestimmt sehr gefallen, die Atmosphäre ist bestimmt lockerer.

Momentan tendieren Sie aber eher in Richtung deutsch? Sie werden mit McLaren-Mercedes in Verbindung gebracht.

Ich habe keine Präferenzen. Wenn ein japanisches Team ein gutes Auto hat, würde ich auch da fahren. Das A und O ist die Performance, nicht die Flagge.

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