Sport : NICOLA THOST GEWINNT GOLD IN DER HALFPIPE: Viel Spaß bei einem effizienten Job

SEBASTIAN ARLT

Im zweiten Durchgang fängt die Snowboarderin aus Pforzheim die Konkurrenz noch abVON SEBASTIAN ARLT NAGANO."Für mich ist Nagano kein Saisonhöhepunkt.Es ist ein tolles Erlebnis, aber nichts, mit dem meine Welt steht oder fällt." Nach verpatztem erstem Durchgang im Halfpipe-Wettbewerb der Snowboarder im "Shigakogen Kanbayashi Snowboard Park" war bei Nicola Thost wenig von Olympia-Fieber zu spüren gewesen.Irgendwie sei das hier alles nicht so ihre Welt, gab sie der Handvoll deutscher Journalisten zu verstehen, die sie bei strömendem Regen eine halbe Stunde interviewen konnten, ohne daß die 20jährige auch nur einen Anflug von Aufbruchsstimmung verbreitete.Man hatte das Gefühl, die Pforzheimerin habe an diesem Tag sowieso nichts mehr vor und obendrein Lust auf einen Plausch. Vier Stunden später hatte sich diese Gemütslage schlagartig geändert.Minutenlang verbarg sie ihr Gesicht hinter den dicken Handschuhen, keiner der drängelnden Kameraleute konnte die Freudentränen einfangen.Nicola Thost war einfach überwältigt vom Gewinn der Goldmedaille, die sie sich im zweiten Finaldurchgang durch eine hervorragende Vorführung vor Stine Kjeldaas (Norwegen) und der ewig kreischenden Shannon Dunn (USA) gesichert hatte."Olympiasiegerin zu sein, das ist ein geiles Gefühl", meinte die Schwäbin.Und in der Sprache ihres Jahrganges fügte sie locker flockig hinzu: "Ich habe einen effizienten Job gemacht und viel Fun gehabt." Jetzt hatte sie also doch noch ein bißchen Frieden geschlossen mit Olympia, das für viele Snowboarder als Inbegriff des konservativen Sportlertreffens gegolten hatte.So galt Thosts Interesse auch weder dem deutschen Nationalteam noch dem Medaillenspiegel."Ich will nur snowboarden, weil mich das glücklich macht." Am Vormittag hatte sie noch erzählt, daß sie es schon gewaltig störe, wie durchorganisiert die ganze Veranstaltung sei."Dabei geht dann der Spaß etwas verloren." Spaß, den die ebenso jungen wie trendy gekleideten Zuschauer trotz des gräßlichen Wetters hatten.Die Szenerie erinnerte etwas an ein Popkonzert: Gekreische von sich hinter Absperrungen drängenden Fans und dröhnende Musikuntermalung von Lou Reed ("Walk on the wild side") über Blondie ("Heart of glass") bis Pink Floyd ("The wall").Verwundert war die Olympiasiegerin über das große Aufgebot der elektronischen Medien, die Bilder der spektakulären Trendsportart einfingen."Daran merkt man, daß Olympia doch keine normale Veranstaltung ist." Und weil die Snowboard-Branche boomt und man damit rechnet, daß in spätestens 15 Jahren mehr Menschen auf einem statt auf zwei Brettern zu Tal sausen werden, warf auch das IOC ein Auge auf die Brettl-Artisten.Bekanntlich verschließt sich IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch keiner Trendsportart (siehe auch Beach-Volleyball), wenn sein Olympiaprogramm dadurch attraktiver (für Sponsoren) wird.Wenn, dann müssen allerdings schon die Besten am Start sein. Doch bis es dazu kam, mußte erst einmal der "Glaubenskrieg" geschlichtet werden.Da waren die fundamentalistischen Profis, organisiert in der selbst ins Leben gerufenen Internationalen Snowboard Föderation (ISF), und die Akteure, die unter der Leitung des Internationalen Ski-Verbandes (FIS) ihre Rennen fahren.Die Hardliner in der ISF vermuteten unter den Talaren der FIS-Funktionäre den Muff von 100 Jahren normalen Skifahrens.Den FIS-Leuten waren die ISF-Snowboarder nicht geheuer, die sich nicht einengen lassen wollten - und die mit Kaspermütze und Piratentuch genau ins - falsche - Klischee von durchgeknallten Verrückten paßten.Da das IOC die FIS mit der Olympia-Qualifikation beauftragt hatte und Ergebnisse der ISF-Rennen nicht anerkannte, andererseits aber die besten Fahrer aus der ISF kommen (so wie Nicola Thost), fand man einen Königsweg für die Qualifikation.Dieser ermöglichte es beiden Seiten, das Gesicht zu wahren.Vorbei waren die Zeiten, als FIS-Wettbewerbe mal unter Polizeischutz stattfinden mußten, weil man Angst vor randalierenden ISF-Unterstützern hatte. Wasser auf die Mühlen der Kritiker der Snowboard-Freaks dürfte der Dopingfall des Kanadiers Ross Rebagliati sein, dem in Nagano der Genuß von Marihuana nachgewiesen worden war.Nach dem Motto: Also doch, war ja völlig klar, daß die alle nur bekifft den Berg runterfahren können.Thost: "Es ist schon traurig, was uns für ein Image aufgedrückt wird." Natürlich wolle man Spaß haben, "aber in Maßen".Die Halfpipe-Junioren-Weltmeisterin von 1995 und 1996 selbst tourt als ihr eigenes Unternehmen durch die Welt."Als Topfahrerin ist es mit den Sponsoren okay." Einen Tag nach dem Olympiasieg flog sie schon weiter, auf der Suche nach Schnee und noch mehr Fun.Ohne Trainer, ohne jemandem Rechenschaft ablegen zu müssen."Das ist es, was ich will.Ich fahre für mich - und mache genau das, was mir Spaß macht."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben