Sport : Nicolas Kiefer: Tue Gutes und rede nicht viel darüber

Jörg Allmeroth

Tue Gutes und rede darüber? Kein Thema für Nicolas Kiefer. "Ich kümmere mich schon seit ein paar Jahren um soziale Projekte und spende auch einen Teil meiner Einnahmen", erzählt Deutschlands bester Tennisspieler, "aber ich hänge das nicht an die große Glocke." Lieber läßt Kiefer sein Engagement im Stillen laufen, wie manche Tennis-Kollegen, die ihre Wohltätigkeit nicht als PR-Aktion betrachtet sehen wollen.

In diesen weihnachtlichen Tagen hat Kiefer allerdings einmal eine Ausnahme von der Regel der Zurückhaltung gemacht. Um noch mehr Geld für Straßenkinder in seiner zweiten Heimatstadt Hannover aufzutreiben, hat sich Kiefer öffentlich als Frontmann für die Aktion "bed by night" zur Verfügung gestellt und die Schirmherrschaft für die seit 1996 laufende Initiative übernommen.

"Es wird dringend Geld gebraucht, um die Container, in denen die Kinder übernachten sollen, in einen vernünftigen Zustand zu kriegen", sagt Kiefer, der auch schon selbst vor der Anlage auftauchte, um mit den teils heimat- und familienlosen Kids ins Gespräch zu kommen. "Viele von denen hatten nie eine Chance, etwas aus ihrem Leben machen zu können", sagt der Tennisspieler, der nur ein paar Jahre älter ist als die ältesten Jugendlichen, die regelmässig auf der Straße leben und zuweilen auch um ihr tägliches Brot kämpfen müssen.

Je tiefer Kiefer in sein Projekt eingetaucht ist und sich mit den alltäglichen Sorgen und Nöten der 12- bis 18-jährigen Kinder beschäftigt hat, umso klarer ist ihm geworden, "wie gut ich es bisher hatte in meinem Leben: Da gab es nie die Sorge, dass man von heute auf morgen womöglich kein Dach über dem Kopf hat." Kiefer hofft nicht nur, dass in den renovierten Containern möglichst viele der Kinder für den Augenblick Zuflucht finden, sondern dass ein Aufenthalt auch der Einstieg in den Ausstieg des Straßenlebens und des Herumvagabundierens ist: "Das ist das eigentliche Ziel", sagt der 23-jährige, der auf die Überzeugungskräfte der zahlreichen beteiligten Sozialarbeiter vertraut.

Die Aktion "bed by night" war 1996 von der niedersächsischen Landeshauptstadt ins Leben gerufen worden. Seit Bestehen der Einrichtung, heißt es im Jugendamt, hätten über 600 Kinder und Jugendliche die Container als "Schutz- und Ruheraum" aufgesucht. Viele Kinder hätten auch den Absprung aus der Straßenszene geschafft. Angst, offiziell registriert zu werden, müssen die obdachlosen Kinder nicht haben: Aufnahme und Unterbringung werden ohne bürokratische Hemmnisse und auf Wunsch anonym vollzogen. "Das ist ganz wichtig", sagt Schirmherr Kiefer, "weil die Einrichtung sonst nicht als Anlaufstelle von den Kids akzeptiert würde."

Einen ordentlichen Betrag hat Kiefer für "Bed by night" auch schon selbst gespendet. Nun sollen möglichst viele nachziehen, um die 400 000 Mark für die Renovierung der Container zusammen zu bekommen. Auch für die laufenden Kosten, etwa die Essensausgabe an die Kinder, wird weiteres Geld benötigt. "Hier kann jeder gleich vor Ort sehen, was seine Spende bringt", sagt Kiefer.

Für die deutsche Nummer eins geht es bald nach den Weihnachtsfeiertagen dann auch wieder um die eigenen Interessen in seinem beruflichen Wirkungsfeld, dem internationalen Tenniszirkus. Beim Turnier in Doha will der Niedersachse ein erfolgreiches Comeback feiern nach den vielen Verletzungen, die ihn im Herbst an einem Schlusspurt in der Tennisszene gehindert hatten. "Das Jahr 2000 ist vergessen, jetzt blicke ich nur noch nach vorne", sagt Kiefer, den zuletzt eine Handgelenksblessur direkt nach dem Pokalsieg in Hongkong außer Gefecht gesetzt hatte. Das gesamte Finish im ATP-Turniergeschehen, also auch die Turniere in Wien, Stuttgart oder Paris, konnte Kiefer nur als interessierter Zuschauer verfolgen. Auch die heimliche Hoffnung, sich eventuell noch für die WM in Lissabon qualifizieren zu können, verflog wegen Hartnäckigkeit der Verletzungen.

Gleichwohl kann Kiefer im neuen Jahr durchaus auf neue Großtaten hoffen. Denn immer dann, wenn Kiefer in der Saison 2000 beschwerdefrei an den Start ging, erzielte er ansehnliche Ergebnisse, schaffte sowohl bei den Australian Open wie den US Open den Einzug ins Viertelfinale und siegte bei den Turnieren in Dubai und Hongkong. Kiefer dürfte in den kommenden Monaten auch von einer verbesserten Stimmung im deutschen Tennis profitieren, die ihm ein störungsfreieres Arbeiten erlauben wird.

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