Sport : Nie mehr "ab nach Phoenix"

SVEN GOLDMANN

Neu-Eisbär Cowie bereut den Absprung aus der NHL nichtVON SVEN GOLDMANN BERLIN.Wenn die Klubs der National Hockey League ihre Talentspäher auf Reisen schicken, dann müssen diese bei der Beobachtung ihrer Kandidaten vor allem auf zwei Sachen achten: Ist der Bursche mindestens 1,90 Meter groß? Hat er breite Schultern? Wer diesen Anforderungen nicht genügt, für den wird es mit einer Karriere in der besten Eishockey-Liga der Welt wohl nichts werden.Rob Cowie mißt gerade 1,83 Meter, die Spannweite seines Oberkörpers wirkt auch nicht unbedingt furchteinflößend.Trotzdem hat er seinen Weg gemacht, gegen alle Trends und reichlich spät.78 Spiele bestreitet Cowie in seinen ersten beiden NHL-Jahren und erzielt dabei immerhin sieben Tore.Nicht schlecht für einen Verteidiger.Warum geht so einer, der es allen Kritikern gezeigt hat, nach Europa? "Gute Frage", sagt der Kanadier."Das wollte mein Vater damals auch wissen." Damals, das ist der Sommer 1996, als Cowies Vertrag bei den Los Angeles Kings ausläuft.Die Kings wollen ihn gerne behalten, aber Cowie mag nicht mehr und geht statt dessen zum Schweizer Nationalligisten HC La Chaux-de-Fonds.In der kommenden Saison steht er bei den Berliner Eisbären unter Vertrag.Und den Entschluß, der NHL den Rücken zu kehren, bereut er nicht. Der Blick zurück erfolgt ohne Zorn.Ein Enagegement in der NHL ist Rob Cowies Jugendtraum, und dafür nimmt er manche Strapaze auf sich.Cowie ist ein Spätberufener.Das Draft-System der Talentziehung hat er nie durchlaufen und sich deshalb ganz hinten angestellt in der Warteschlange.Achtmal rückt er im Hochsommer in NHL-Trainingscamps ein, wo um die 50 Profis wochenlang um einen der wenigen freien Plätze kämpfen.Dreimal fällt Cowie in Winnipeg durch, zweimal in Hartford, zweimal in Los Angeles, ehe ihm die Kings 1994 endlich einen Vertrag geben.Da ist Cowie mit seinen 27 Jahren in einem Alter, in dem viele Berufskollegen ihre NHL-Karriere mangels Perspektive schon beenden müssen. Richtig glücklich wird er in Los Angeles trotzdem nicht.Gewiß, da ist "das unglaubliche Erlebnis", mit dem legendären Wayne Gretzky zusammenzuspielen.Doch Cowies Vertrag gestattet es den Kings, ihn jederzeit in eine niedere Liga abschieben zu können.So pendelt er zwischen den Kings und den Phoenix Roadrunners in der International Hockey League (IHL)."Auf Dauer", sagt Cowie, "ist das kein Leben.Bei jedem Spiel hast du Angst, einen Fehler zu machen, und dann heißt es wieder: ab nach Phoenix." Sein Agent vermittelt ihm den Vertrag in der Schweiz.Cowie schießt in 38 Spielen 18 Tore für La Chaux-de-Fonds, bis im Februar beim Globen-Cup in Stockholm in einem Länderspiel mit Kanada gegen Finnland die Schulter auskugelt.Eisbären-Verteidiger Derek Mayer spricht ihn an: "Wir suchen für die nächste Saison Verteidiger, hast du Interesse?" Cowie fliegt nach Berlin, sieht ein Spiel gegen Rosenheim und ist "von dieser unglaublichen Atmosphäre" beeindruckt - und davon, "daß da 15 Spielerfrauen zusammenstehen und miteinander plaudern.In der Schweiz kannte meine Frau niemanden und hat sich den ganzen Tag gelangweilt".Cowie sagt zu und freut sich auf Berlin und "eine neue Sprache, die ich lernen will". Doch hier gerät die Ahnnehmlichkeit zum Nachteil.Denn wer spricht schon Deutsch in einer Kabine, die fast ausschließlich von Nordamerikanern und Skandinaviern bevölkert wird?

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