Sport : Nie mehr Zweite Liga!

Er liebte seine Borussia, er war treu – 30 Jahre. Doch jetzt ist Schluss. Stefan Hermanns nimmt Abschied

-

Am Samstag werde ich Abschied nehmen. Abschied nach dreißig Jahren. Dass die Bayern zu meiner kleinen, privaten Trauerfeier in den Borussia-Park kommen, ist ein netter Zug. Borussia Mönchengladbach gegen Bayern München, das hört sich zumindest noch an wie ein richtiges Bundesligaspiel. Ist es natürlich nicht, allenfalls die Illusion davon. Seit Sonntag steht fest, dass die Gladbacher absteigen. Und seit Sonntag steht fest, dass für mich der Fall eintritt, den ich mir vor ein paar Jahren nicht hätte vorstellen können.

Ich werde kein Fan von Borussia Mönchengladbach mehr sein.

Vier Jahre ist es her, Borussia spielte mal wieder gegen den Abstieg, aber irgendwie hat mich das damals mehr verdrossen als in den Jahren zuvor. „Wenn Borussia absteigt, höre ich auf, Fan zu sein“, sagte ich zu Bov, einem Bekannten, ebenfalls Borussenfan. „Das geht nicht“, antwortete er. „Doch“, sagte ich. „Ich meine das ernst.“

Ich weiß nicht, ob ich damals wirklich schon so weit war. Borussia schaffte es dann doch wieder. Genauso wie im Jahr danach. Und im Jahr danach.

Damit mich niemand falsch versteht: Es geht nicht um Trotz. Ich muss mir auch nichts beweisen (na gut, vielleicht doch). Ich empfinde es wie eine Erlösung, nicht mehr Borussenfan sein zu müssen. Am vergangenen Wochenende saß ich in Aachen auf dem Tivoli, um über das Spiel Hertha gegen Alemannia zu berichten; fünfzig Kilometer Luftlinie entfernt spielte Borussia gegen Stuttgart um die allerallerletzte Chance auf den Klassenerhalt. Früher hätte ich das Gefühl gehabt, am falschen Ort zu sein. Jetzt berührte es mich kaum noch.

Unter Fußballfans gilt es als Todsünde, seinem Verein in schlechten Zeiten den Rücken zu kehren. Man muss als Anhänger von Arminia Bielefeld durch die ostwestfälische Provinz getourt oder mit Fortuna Düsseldorf auf die Bezirkssportanlage von Germania Teveren eingefallen sein, um in seinem Fanatismus für seinen Verein wirklich ernst genommen zu werden. Aber ich wehre mich mit aller Vehemenz gegen den Vorwurf, Schönwetterfan zu sein. Ich habe die Zweite Liga mitgemacht, ich habe ein erbärmliches 1:2 zu Hause gegen Ahlen erlebt und ein deprimierendes 0:4 in Mannheim. Für eine glaubwürdige Fanbiografie muss ich nicht mehr absteigen.

Als ich 1977, mit knapp sieben Jahren, Fan von Borussia Mönchengladbach wurde, gehörte die Mannschaft zu den besten fünf in Europa. Gleich in meinem ersten Jahr wurde ich Deutscher Meister, vier Tage später stand ich im Finale um den Europapokal der Landesmeister, holte den Uefa-Cup, und als ich mich gerade daran gewöhnt hatte, dass Borussenfans jedes Jahr etwas zu feiern haben, war es auch schon wieder vorbei. Was ich damit sagen will: Ich habe in den vergangenen 25 Jahren mit meinem Verein nicht weniger gelitten als ein Bielefelder, der seiner Arminia bis in die Oberliga gefolgt ist. Nur auf höherem Niveau.

Für einen großen Verein wie Borussia Mönchengladbach mag die Zweite Liga beim ersten Mal noch ganz lustig sein, von wegen „Der Mythos gibt sich die Ehre“ und so. Aber schon das zweite Jahr ist eine Katastrophe. Man muss deshalb auch keine Hochachtung vor den Kölnern haben, die selbst nach ihrem vierten Abstieg noch so tun, als wäre es der erste. Unser Mitleid verdienen sie! Die Zweite Liga ist nicht lustig. Ich hasse sie. Ich hasse die unwürdigen Übertragungen im DSF, in denen der Fußball die Lücken zwischen der Dauerwerbeberieselung füllen muss. Und ich hasse die blöden Spieltermine, vor allem den Montag. Mein Vertrag gilt nicht für die Zweite Liga. Anders als der von Marcell Jansen.

„Wir sind doch nicht Fans der Mannschaft, sondern Fans des Vereins“, sagt mein Freund Jürgen. Aber macht es das besser? Gerade weil ich Fan des Vereins und seiner Geschichte bin, fällt mir der Abschied nicht schwer: Ich erkenne den Verein meiner Kindheit und Jugend nämlich nicht mehr wieder. Borussia ist ein seelenloses Gebilde geworden. In 23 Jahren beschäftigte der Verein drei Trainer, das schaffen sie inzwischen locker in einem. Die Mannschaft, die einmal für den schönsten Fußball Europas stand, spielt jetzt den grausigsten der Bundesliga. So viele Tore, wie Borussia in der Rückrunde erzielt hat (neun), schoss sie früher an guten Tagen in einem einzigen Spiel.

Im modernen Fußball kann man manchmal die verzweifelten Versuche der Fans aus der Kurve beobachten, wie sie mit Ersatzhandlungen gegen das Gefühl ihrer Ohnmacht ankämpfen. Die Anhänger von Hertha BSC haben im vergangenen Sommer eine hartnäckige Aktion gegen ein neues Wappen auf dem Trikot ihrer Mannschaft gestartet. Das ist aller Ehren wert, doch in Wirklichkeit ging es gar nicht um das Wappen, sondern gegen Dieter Hoeneß, dessen Allmacht und den Primat des Kommerzes. Für die Vereinsunternehmen sind die Fans in der Kurve schon lange nicht mehr Teil des Spiels, sondern nur noch als Kunden interessant. Was spricht also dagegen, wenn wir uns auch wie Kunden verhalten, wie mündige Konsumenten? Niemand ist gezwungen, eine Ware zu kaufen, die uns seit Jahren nichts als Ärger bereitet.

Ich habe in der jüngeren Vergangenheit genügend Zumutungen meines Lieblingsvereins ertragen, ohne daraus den einzig logischen Schluss zu ziehen. Ich bin Borusse geblieben, als der Verein den Ehrgeiz hatte, alle verletzungsanfälligen Spieler Europas über 32 zu verpflichten. Ich habe die verwirrte Personalpolitik klaglos erlitten, mit der Präsident Königs seine Sehnsucht nach großen Namen befriedigen wollte. Ich habe sogar das Zerstörungswerk des Jupp Heynckes gegen die unflätige Kampagne der Boulevardpresse verteidigt. Ich habe Jeff Strasser ertragen und Milan Fukal, Pascal Ojigwe, Jörg Böhme und Kahe und vor allem Peter Pander. Zweimal in all den Jahren habe ich mich geschämt, Borussenfan zu sein: zum ersten Mal, als Hannes Bongartz die Nachfolge von Bernd Krauss antrat, und dann, als Pander Sportdirektor wurde.

Es ist ein bisschen unfair, dass mein Liebesentzug nun Leute trifft, die die Situation nicht zu verantworten haben. Christian Ziege scheint als Sportdirektor im Rahmen seiner nicht vorhandenen Möglichkeiten einen ordentlichen Job zu machen, und über Jos Luhukay, den Trainer, hat Ziege gesagt, er wäre froh gewesen, wenn er als Spieler unter ihm hätte trainieren dürfen. Auch unabhängige Beobachter trauen Luhukay eine überdurchschnittliche bis glänzende Karriere als Trainer zu. Ich fürchte nur, er wird sie nicht bei Borussia machen; ich würde sogar fast wetten, dass er das Ende der kommenden Saison nicht im Amt erlebt. Das wäre ja nicht ungewöhnlich für Borussia.

Der Verein hat jetzt ein Jahr Zeit, sich meine Liebe zurückzuverdienen. Ich werde nicht dabei sein, wenn er in Aue spielt, gegen Köln und Kaiserslautern. Ich bin fest entschlossen, ein Leben ohne Borussia zu führen. „Ich wette hundert Euro, dass du das nicht schaffst“, sagt mein Freund Pietje. Unterschätzt meine Wut nicht!

Seit ein paar Jahren spiele ich montagabends selber Fußball, immer von acht bis zehn. Ich habe nicht vor, daran etwas zu ändern.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben