Sport : „Nie zuvor gab es so viele Verletzte“

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Herr Endler, haben wir in Deutschland italienische Verhältnisse?

Nein. Ich glaube, dass man die Ursachen in Italien in der Gesellschaft suchen muss, die sich nicht einfach auf Deutschland übertragen lassen. Damit meine ich nicht nur die hohe Arbeitslosigkeit, sondern auch das Phänomen des Lokalpatriotismus, der in Italien viel stärker ausgeprägt ist. Es ist so: Einerseits brennt bei uns nicht die rote Warnlampe – andererseits dürfen wir uns nicht selbstgefällig zurücklehnen.

Besteht diese Gefahr, weil die Fußball-WM so friedlich war?

Ja. Im Sommer fehlte der Szene der Raum, um in Aktion zu treten. Auf den zentralen Plätzen feierten die Menschenmassen ausgelassen, mögliche Mitläufer wurden von der guten Stimmung gepackt. Im Alltag ist von der WM nichts mehr zu spüren. Wir sind in die Normalität zurückgekehrt.

Wie sieht die Normalität aus?

Wir haben den Höchststand von Straftaten registriert, nie zuvor gab es so viele verletzte Personen. Und nie haben wir mehr Polizisten eingesetzt bei Fußballspielen. Die Szene hat sich in der Altersstruktur in all den Jahren kaum verändert. Sie sind überwiegend männlich, zwischen 18 und 25 Jahre alt, sie agieren nur konspirativer. Aber auch wir waren nicht untätig.

Sie dürfen unter Umständen Handys abhören, SMS abfangen, Platzverbote und Ausreiseverbote verhängen. Trotzdem heißt es, dass es beim Länderspiel Ende März in Prag Randale geben könnte.

Diese Gerüchte und Legenden kennen wir. Wir wissen natürlich, dass es in der Vergangenheit vor allem bei Länderspielen in Osteuropa zu Ausschreitungen kam. Wir ermitteln.

Macht Deutschland die Grenzen dicht?

Dafür ist das Bundesinnenministerium zuständig, dem wir genauso zuarbeiten wie unseren Kollegen in Tschechien. Noch fehlt uns eine solide Informationsgrundlage. Panikmache bringt uns und unseren Partnern in Tschechien genauso wenig wie Verharmlosung.

Die Fragen stellte André Görke.

Michael Endler, 53,

ist Deutschlands oberster Hooligan- Fahnder. Er leitet die „Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze“ (ZIS).

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