Niederlage und Verletzungssorgen : Trotzdem: Wir sind Deutschland

Obwohl vier Spieler angeschlagen sind, unter anderem Lukas Podolski, ist im deutschen Team der Glaube an das Überleben der Vorrunde ungebrochen. Am Samstag beginnt die Vorbereitung auf das Spiel gegen Österreich.

Michael Rosentritt[Ascona]
poldi
Ungesund. Podolski verletzte sich und konnte am Tag danach kaum laufen.Foto: dpa

Der Morgen danach war kein guter. Joachim Löw wachte mit so einem unschönen Gefühl auf, welches man am ehesten wohl mit einer, nun ja, verlotterten Nacht vergleichen kann. Diesen Vergleich würde der Bundestrainer nie anbringen, aber er guckte so: Mein Gott, was ist uns gestern denn da passiert.

Der Espresso-Liebhaber Löw saß also am Tag danach in seinem mocca-farbenen Hemd da und erzählte davon, wie sehr es ihn ärgere, dass sich seine Mannschaft von den Kroaten hat so „einlullen“ und teilweise vorführen lassen. Der Bundestrainer weiß, dass die eigentliche Niederlage nicht das 1:2 gegen Kroatien ist, sondern der nicht mehr für möglich gehaltene Rückfall in einen Fußball, wie ihn die Deutschen zuletzt unter dem Golfliebhaber Ribbeck aufführten. Während dieser bei der verkorksten EM 2000 selbst nach seinem Rauswurf in seinen typischen Sprechgesang verfiel und bei seinen Analysen so überfordert wirkte wie derzeit Metzelder im eigenen Strafraum, nippte Löw an seinem Espresso und rief dann aus: „Wir werden ins Viertelfinale einziehen.“

Der Tonfall erinnerte ein wenig - wenngleich wohl unfreiwillig – an Edmund Stoiber, als dieser direkt nach der Bundestagswahl 2002 ausrief: „Wir haben die Wahl gewonnen!“ Doch beim Bundestrainer darf man mehr Zutrauen haben. Natürlich ist es noch müßig darüber zu reden, wie Deutschland eventuell im Viertelfinale gegen eine Mannschaft wie Portugal bestehen will, aber der Glaube an ein Überleben der Vorrunde ist im deutschen Team ungebrochen. „Ich finde es toll, in Wien jetzt ein Endspiel gegen Österreich zu haben, da wird eine tolle Atmosphäre herrschen“, sagte Christoph Metzelder. Ausgerechnet Metzelder, möchte man sagen. Es wird sich erst noch herausstellen, ob der fahrige Innenverteidiger am Montag den Rasen des Ernst-Happel-Stadions betreten darf.

Die Österreicher „werden um ihr Leben rennen“, sagte Löw. „Sie haben die einmalige Chance, ins Viertelfinale einzuziehen, aber unsere Mannschaft wird absolut dagegenhalten. Wir werden ein anderes läuferisches und kämpferisches Element ins Spiel bringen, das kann ich hier versprechen.“ Der Bundestrainer knöpfte sich gestern Nachmittag jeden einzelnen Spieler vor und horchte in das Innenleben seiner Mannschaft. „Ich werde keine öffentliche Kritik üben, aber die Defizite klar und deutlich ansprechen.“ Die Mannschaft sei nicht zerrissen, und es sei auch klar, „dass wir uns hier nicht gegenseitig die Schuld zuweisen“. Bis zum Abend, so Löw, werde das Trainerteam Lösungen haben, auch personelle. „Aber wir werden jetzt nicht hingehen und alles über den Haufen werfen, sondern wir werden Korrekturen vornehmen.“ Das wird möglicherweise auch aufgrund von Verletzungen notwendig sein.

Lukas Podolski (Kapselverletzung), Marcell Jansen (Schulterzerrung), Philipp Lahm (Bluterguss) und Heiko Westermann sind angeschlagen. Westermann zog sich gestern beim Training einen Bänderriss mit Knochenabsplitterung an der rechten Hand zu. Ihm wurde ein Gipsverband angelegt, mit dem er auch spielen könnte. Podolskis Einsatz am Montag ist hingegen fraglich. Er konnte gestern nicht einmal laufen.

Am Sonnabend beginnt die akute Vorbereitung auf das Spiel gegen Österreich. „Wir brauchen einen schnellen, körperbetonten Fußball“, sagte Löw. Das setze voraus, dass jeder permanent in Bewegung sei und sich am Spiel beteilige, defensiv wie offensiv. Dafür sollen auch im mentalen Bereich die Voraussetzungen geschaffen werden. Man müsse das reanimieren, was die Mannschaft stark gemacht habe. „Wir stehen zwar unter Druck, aber wir haben es noch selbst in der Hand. Es gibt keinen Grund zur Panik“, sagte Kapitän Michael Ballack.

Die allgemeine Entspanntheit, die bisher rund um das Mannschaftsquartier in Ascona herrschte, ist allerdings erst einmal verflogen. Jedem sei bewusst, „dass etwas Großes auf dem Spiel steht“, sagte Philipp Lahm. Auch er erwartet heftige Gegenwehr von den Österreicher, sagteaber: „Wir sind trotzdem Deutschland – wir werden dagegenhalten.“

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