Sport : Niederlage zum Mitnehmen

Deutsche Handballer unterliegen Polen 25:27 – ein Manko für die Hauptrunde

Hartmut Moheit[Halle/Westfalen]

Nichts sehen, nichts hören und bloß nicht reden – nur weg. Oliver Roggisch wollte allein sein. Während einige seiner Mitspieler nach einer Erklärung für die gestrige 25:27 (12:14)-Niederlage der deutschen Handballer im dritten Vorrundenspiel der Weltmeisterschaft gegen Polen suchten, verschwand der Abwehrchef mit starrem Gesichtsausdruck aus der Halle. Er wusste zu gut, dass diese schmerzliche Niederlage auch entscheidend mit seinem Namen verbunden bleiben wird.

„Die Rote Karte für Oliver war der Knackpunkt im Spiel. Jeder weiß, dass wir auf der zentralen Deckungsposition nicht gerade üppig besetzt sind“, sagte Bundestrainer Heiner Brand. Aber niemand machte dem Magdeburger deshalb Vorwürfe, der wie ein Löwe kämpfte und mit letztem Körpereinsatz versuchte, die Löcher in der Deckung zu stopfen. Als Roggisch in der 51. Minute wegen der dritten Zeitstrafe herausgestellt wurde, führte Deutschland noch 23:21. Bereits drei Minuten danach stand es 23:24. Dann erwischte es auch Kapitän Markus Baur. Er sah Rot, nachdem er den frei durchgelaufenen Mateusz Jachlewski unsauber attackiert hatte. Seinen 36. Geburtstag hatte Baur sich anders vorgestellt. Von diesem doppelten Schock erholte sich das deutsche Team nicht mehr, obwohl die 11 000 Zuschauer im ausverkauften Gerry-Weber-Stadion in Halle/Westfalen wie ein achter Feldspieler wirkten. Polen verteidigte den Zwei-Treffer-Vorsprung geschickt bis zum Abpfiff.

Mit einem Psychotrick hatte Polens Trainer Bogdan Wenta seine Spieler auf das Fluidum in Halle eingestellt. Im Training ließ er die Spielfläche und die Tore ausmessen. Dann sagte er: „Alles genauso wie zu Hause, ihr braucht nur eure beste Leistung bringen.“ Außerdem hatte er ihnen gesagt: „Deutschland muss uns besiegen, und wir müssen trotz des Kampfes auch Spaß an gelungenen Aktionen haben.“ Daran hielten sich die Spieler um den herausragenden Torhüter Slawomir Szmal von der ersten Minute an. Ein weiterer Vorteil war, dass Wenta auch der Bundesligatrainer beim SC Magdeburg ist, wo Johannes Bitter das Tor hütet. Seine polnischen Klubkameraden Grzegorz Tkaczyk und der baumlange Karol Bielecki warfen ihm gerade in der Anfangsphase die Bälle nur so um die Ohren. Das wurde auch nicht besser, als Bitter in der 17. Minute vom Kieler Henning Fritz abgelöst wurde. Wenta hatte seine Werfer, die ihre Angriffe mit viel mehr Wucht, Übersicht und Geduld als die Deutschen vortrugen, glänzend eingestellt. „Wir waren heute in der Abwehr nicht gleichwertig“, sagte Heiner Brand und sah darin eine wesentliche Ursache für die Niederlage. „Der zweite Punkt war unsere mangelnde Chancenverwertung, der dritte, dass wir die Angriffe zu früh abgeschlossen haben.“

Dennoch bestand für die WM-Gastgeber die Chance, die Hauptrunde ungeschlagen zu erreichen. Aus einem 15:18 (40. Minute) hatten sie neun Minuten später ein 22:20 gemacht. Auch der für die Nationalmannschaft reaktivierte und vom Publikum stürmisch gefeierte Christian Schwarzer hatte Anteil daran: Er erzielte zwar kein Tor, holte aber mit wuchtigem Körpereinsatz zwei Siebenmeter heraus. „Bei der Führung und dem sensationellen Publikum dachte ich schon, dass wir gewinnen können“, sagte Johannes Bitter. Dazu hätte auch er eine bessere Leistung bringen müssen. Mit 18 Prozent gehaltener Bälle (Fritz 22 Prozent) verlor er das Duell gegen Szmal (44 Prozent) eindeutig.

„Dennoch wird jetzt kein Spieler den Kopf in den Sand stecken“, sagte Heiner Brand, „wir haben doch noch vier Spiele in der Hauptrunde.“ Christian Schwarzer ergänzte ihn: „Entscheidend wird sein, dass wir aus diesem Spiel lernen und die Fehler abstellen.“ Dann brachte der Lemgoer noch einen Vergleich, bei dem der Bundestrainer neben ihm nur schmunzelte. „Bei der EM 2004 haben wird auch ein Spiel in der Vorrunde verloren. Jeder weiß, was wir dann noch erreicht haben.“ Deutschland hatte in Slowenien den Titel gewonnen. Diesmal wird es schon schwer, das Viertelfinale zu erreichen. In der Hauptrunde trifft Deutschland nun auf Slowenien (Mittwoch in Halle), Tunesien, Frankreich und Island. Die gegen Polen verlorenen Punkte sind dabei eine große Hypothek.

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