Sport : Niemals und für immer

Tausend Feuer in der Nacht: Von der Unsterblichkeit wahrer Fußball-Fans

Wolfram Eilenberger

Niemals“, „für immer“, „auf ewig“, „bis in alle Zeit“ – es gibt kaum einen Fanrefrain, der ohne diese Worte auskäme. Auch an diesem Adventswochenende erfüllen solch entrückte Gesänge wieder die Fußballtempel. Tatsächlich gibt es in unserer Gesellschaft nur zwei Bereiche, in denen die Unsterblichkeit noch mit wirklicher Inbrunst und heiligem Ernst besungen wird: die Kirche und das Stadion. Doch wo der Kirchengläubige um sein ewiges, individuelles Seelenheil im Jenseits besorgt ist, strebt der Fußballfan nach kollektiver Ewigkeit im Diesseits. Er buhlt nicht bußfertig um Gunst von oben, sondern legt sein Fortleben vertrauensvoll in die Hände kommender Generationen – ein fundamentaler Unterschied, der in der populären Rede vom Fußball als Religion gern verloren geht.

Exemplarisch für dieses Differenzbewusstsein steht das Vereinslied „Blau und Weiß“ von Schalke 04, in dem zunächst in offener Monotheismuskritik festgehalten wird, „Mohammed war ein Prophet, der vom Fußballspielen nichts versteht“, sogleich werden „Blau und Weiß“ vom Himmel auf die Erde geholt, um als Schlussfigur zu intonieren: „Tausend Freunde, die zusammenstehen, dann wird der FC Schalke niemals untergehn.“ Deutlicher geht es nicht.

Die Entität, deren Untergang für alle Zeit abgewendet werden soll, ist selbstverständlich nicht mit den Vereinsspielern auf dem Feld identisch (denn diese sind in ihrer erbärmlichen Vergänglichkeit und Wechselfreudigkeit alles andere als Ewigkeitsgaranten), ebenso wenig wie es den Singenden darum geht, die rechtliche Hülle des Vereins als juristischer Person vor der Streichung aus dem Register zu bewahren. Von der frustrierten Fanparole „Wir sind Schalker und ihr nicht“ finden sich Spieler und Verantwortliche schließlich gleichermaßen geschmäht. Nein, die dynamische Einheit, deren Unsterblichkeit da von Tausenden Freunden auf den Rängen erhofft wird, ist niemand anderes als die „tausend singenden Freunde“.

Wie diese Übergabe des innersten Eigenen an die Ewigkeit konkret vorzustellen ist, wird wiederum im fanschöpfenden Liedgut selbst festgelegt, auf Schalke in folgenden Zeilen: „Da sang er vor, der Herr Papa, dat Lied von Schalke, wunderbar.“

Doch genauso, wie in heutigen Weihnachtsgottesdiensten traurige Individuen überwiegen, die den heiligen Worten folgen, ohne die diese Worte inspirierende Ur-Erfahrung jemals am eigenen Leib verspürt zu haben, dominieren in den heutigen Komfortarenen Zuschauer, die sich auf Zuruf zwar brav erheben, um kräftig mitzuklatschen, ohne jedoch vom Feuer der wahren Fanerfahrung („Tausend Feuer in der Nacht, haben uns das große Glück gebracht“) jemals enthusiasmiert worden zu sein.

Auch von diesen viel zu vielen singen wahre Fans nicht, wenn sie ihren Blick frohgemut Richtung Unendlichkeit wenden. Der Grund ist klar: Ein Mensch, den das Feuer nicht im Innersten erfasste, wird nicht in der Lage sein, seinen Sohn in ein fortsetzungswürdiges Fanleben zu rufen. Er verspielt somit nicht nur seine eigene Unsterblichkeit, sondern bedroht das Überleben der gesamten Fangemeinschaft – und damit das Überleben des Fußballs selbst.

Denn der Fußball als Kulturphänomen lebt nun einmal vorrangig durch die Fans und ihr geteiltes Glück. Solange der Fan von der Wahrheit des Fußballs belebt und erfüllt ist, wird er immer einen weiteren Fan zeugen, der ihm nachfolgt und der seine Stelle einnimmt. Die Unsterblichkeit des Fans (und des Fußballs) hängt also allein davon ab, dass er ein wahrer Fan ist.

Gilt diese Wahrheit für jeden Fan, jedes Vereins? Jede Fangemeinschaft hat ihren besonderen Charakter und beeinflusst so das Spiel ihres jeweiligen Vereins. Sind diese Eigenheiten in der Lage, in kommenden Generationen wahre Fan- Erfahrungen hervorzurufen und also den Schatz des Fußballs als Gesamtheit zu bereichern, so lebt der Verein ewig. Wenn nicht, ist die Existenz seiner Fans endlich. Diese Einschränkung begründet auch das vergleichsweise bescheidene Anspruchsniveau in den Gesängen. Auf Schalke, wie in fast allen anderen Vereinsliedern auch, richtet sich die Hoffnung nicht etwa auf Meisterschaften und Siege, sondern allein darauf, „niemals unterzugehen“. Die einzige Ausnahme bilden derzeit die Münchner Bayern mit ihrem „FC Bayern, forever number one“. In Sachen Unsterblichkeit, ein höchst riskanter Anspruch.

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