Sport : Niemand wird untergehen

Experten sind überzeugt davon, dass Schwimmen auch nach van Almsicks Karriereende populär bleiben wird

Frank Bachner

Berlin. Ist sie denn fast ertrunken, und keiner hat’s gemerkt, nur der Beobachter vom ARD/ZDF-Morgenmagazin? Irgendetwas ist passiert, der Ton, in dem der Beitrag anmoderiert wurde, legte das nahe. Wie kritisch steht es um Franziska van Almsick? Liegt die Top-Schwimmerin überhaupt noch im Olympia-Fahrplan? So ungefähr klang es gestern im Frühstücksfernsehen, als es um van Almsicks Zeiten beim Kurzbahn-Weltcup in Berlin ging. Aber sie liegt sehr gut im Fahrplan, auch wenn sie zweimal, darunter auf einer Nebenstrecke, das Finale verpasste. Na und? Sie startete aus vollem Training.

Eigentlich eine Petitesse. Aber bei van Almsick gibt es keine Petitessen. „Die Fernsehberichterstattung vom Schwimmen in Magazinen und Livesendungen wäre ohne Franziska weniger attraktiv“, sagt der ARD-Schwimm-Experte Hajo Seppelt. „Man kann es sich als Sender nicht erlauben, selbst auf den kleinsten Wettbewerb zu verzichten, wenn sie schwimmt.“ Deshalb rückte sogar das Weihnachtsschwimmen eines Berliner Klubs als Beitrag ins Programm des Rundfunks Berlin-Brandenburg.

Aber Medienstar van Almsick beendet ihre Karriere nach den Olympischen Spielen. Und dann? Verliert Schwimmen seine mediale Bedeutung? Und damit Sponsoren? Trotz eines Weltrekordlers Thomas Rupprath? Trotz der dreimaligen Weltmeisterin Hannah Stockbauer? „Stockbauer ist bei der Vermarktung gegenüber Franziska zweifellos nur Kreisliga“, sagt Seppelt. Nur: „In diesem Fall genügt die Kreisliga für die mediale Bedeutung des Schwimmens. Die Sportart gehört zum Kern der Sportberichterstattung, es wird weiter über Schwimmen berichtet.“

Als Stockbauer bei der WM 2003 über 800 Meter Freistil gewann, hatte die ARD einen Marktanteil von 17,9 Prozent. Der beste Wert bei der WM lag sogar bei 23,0 Prozent. Obwohl van Almsick bei dieser WM fehlte. Die Popularität des Schwimmens, heißt das, hängt also nicht allein von van Almsick ab. „Ich mache mir keine Sorgen“, sagt Jürgen Greve, der Geschäftsführer der Vermarktungsfirma SMS, die den Weltcup in Berlin veranstaltete. „Es kommen immer wieder Stars nach. Nach Klaus Steinbach kam Michael Groß, dann folgte Franziska van Almsick.“ Vor allem, sagt Greve, bleibe die Medienfigur ja dem Schwimmen erhalten. „Es gibt Überlegungen, dass sie beim Fernsehen mitarbeitet.“ Zudem hätten sich Rupprath und Stockbauer enorm entwickelt.

Rupprath vor allem. Fünf Sponsorenverträge hat sein Manager Stefan Füg 2003 für den Weltmeister über 50 Meter Rücken abgeschlossen, allein eine Brauerei zahlt angeblich 150 000 Euro jährlich dafür, dass Rupprath für ihr alkoholfreies Bier wirbt. „Es genügt, wenn eine Sportart zwei Galionsfiguren besitzt“, sagt Füg. Er meint Stockbauer und Rupprath. „Der Thomas verkörpert derzeit den öffentlichen Sportler.“ Früher, als er nur auf der zweitrangigen Kurzbahn Titel gewann, gab Rupprath bereitwillig seine Handynummer heraus. In Barcelona aber gewann er seinen ersten WM-Titel auf der 50-m-Bahn, nun laufen alle Anfragen über Füg. Täglich sortiere er Einladungen, etwa zu Wohltätigkeitsveranstaltungen aus, sagt Füg. Rupprath hat jetzt Erfolg, kann sich gut darstellen und wird geschickt in den Medien platziert. Diese Kombination sichert ihm seinen Marktwert. Und genau genommen muss Rupprath gerade allein die Rolle des öffentlichen Sportlers im Schwimmen ausfüllen. Stockbauer ist zwar erfolgreich, aber noch zu konturenlos. Die dreimalige Weltmeisterin hat erheblich schlechter dotierte Sponsoren-Verträge als Rupprath. Und sie sorgt dafür, dass sich daran nichts ändert.

In Berlin knurrte nämlich Bundestrainer Manfred Thiesmann: „Wir hätten hier gerne alle unsere Stars präsentiert. Da geht es ja um Sponsoren und TV-Zeiten und die Werbung für unsere Sportart.“ Er saß genau neben dem Moderatorenplatz des ZDF, das vom Weltcup berichtete. Stockbauer konnte ihren Bundestrainer leider nicht hören. Als das ZDF zur besten Sendezeit Schwimmen übertrug, trainierte sie in Südafrika.

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