Sport : Nilpferd mit Noppen

Geld macht es möglich: Wie ein Hobbyspieler die deutschen Tischtennis-Stars ärgert

Richard Leipold

Bochum. Auf den ersten Blick sieht Frank Müller nicht aus wie ein Tischtennis-Bundesligaspieler. Auf den zweiten Blick auch nicht. 85 Kilogramm Körpergewicht verteilen sich auf 1,74 Meter Körpergröße. Müller käme aber nicht auf die Idee, das Defizit an Fitness durch Trainingsfleiß auszugleichen. Außergewöhnliches Talent ist dem Hobbysportler auch nicht zu Eigen. Dennoch gönnt er sich das Vergnügen, gegen Spitzenspieler anzutreten. Nicht auf Juxturnieren, sondern bei offiziellen Wettkämpfen. Dank seines finanziellen Spielraumes kann der Immobilienkaufmann aus Düsseldorf es sich leisten, als versierter Laie die Profis zu ärgern.

Müller spielt seine eigene Version von „Wünsch dir was“. Nicht in einer Fernseh- Show, sondern im Tischtennisleben. Er hat seinen „Traum wahr gemacht, einmal in einem Pflichtspiel gegen Timo Boll anzutreten". Im Viertelfinale des deutschen Pokals traf er mit seiner Bochumer Mannschaft auf Bolls Arbeitgeber TTV Gönnern. Da die Regeln im Pokal ein Abweichen von der Reihenfolge der Meldeliste zulassen, stellte Müller sich im oberen Paarkreuz auf und durfte gegen Boll spielen. Jenen Profi, der vom 2. Januar an als erster Deutscher die Weltrangliste anführen wird. Für eine Weile schienen die Gesetze des Tischtennis außer Kraft zu sein. Der Spaßvogel gewann gegen den besten Spieler auf dem Globus den ersten Satz 12:10. Seine Schlägerhaltung und der aus langen Noppen bestehende Belag ermöglichen es Müller, selbst Spitzenspieler vorübergehend so zu irritieren, dass derart kuriose Ergebnisse zustande kommen.

Die merkwürdig anmutenden Schläge des Abwehrspezialisten werden nie in einem Lehrbuch auftauchen, es sei denn Müller kauft einen Verlag und schreibt selbst einen Leitfaden à la Tischtennis leicht gemacht. Boll, der in diesem Sport Maßstäbe setzt, wirkte in jenem ersten Satz wie jemand, der unfreiwillig Opfer eines Streichs bei der „Versteckten Kamera“ geworden ist. Doch es war kein Trick dabei, keine Sabotage, es war einfach nur alles Müller. Bis Boll dessen Manöver durchschaute und schließlich in vier Sätzen gewann. „Ich habe einen Satz lang gebraucht, um mich auf seine ungewöhnliche Spielweise einzustellen.“ Bei den Stars der Branche stößt Müllers Muppetshow auf wenig Verständnis. „Wenn er meint, den Affen spielen zu müssen, kann ich das nicht verhindern", sagte Boll nach dem grotesken Match. Der frühere Europameister Jörg Roßkopf sieht in Müllers Auftritten sogar einen Anschlag auf die Seriosität seiner Sportart. „Er ist das Schlimmste, was dem Tischtennis passieren kann."

Aber wie kann so etwas geschehen, wie kann ein mäßig begabter Hobbyspieler einen professionellen Spielbetrieb nach seinem Gusto zur Realsatire degradieren? Mit viel Geld. Der Werbe-Etat seiner Firma versetzt den Grundstückshändler nicht nur in die Lage, sich selbst aufzustellen. Um jederzeit alles und jeden im Griff zu haben, hat der Selbstdarsteller sich einen ganzen Verein gekauft, das Namensrecht eingeschlossen. So wurde aus dem Bochumer Stadtteilklub TTG Weitmar-Munscheid der Bundesliga-Aufsteiger TTG Müller Munscheid. Angeblich finanziert der Namenspatron 80 Prozent des Saisonetats von 250000 Euro. Als Gegenleistung hat er sich alle Posten und Privilegien übertragen lassen, die ein Bundesligaklub hergibt: Präsident, Manager, Teamchef, Spieler. Der 38-Jährige macht alles selbst, zumeist vom Mobiltelefon aus.

Was also lag näher, als die von Kritikern als feindlich empfundene Übernahme auch im Vereinsnamen zu dokumentieren? Profis wie Boll und Roßkopf mögen sich durch das clowneske Gebaren vor und hinter den Kulissen veralbert vorkommen. Doch Müller denkt vorerst nicht an Rücktritt. „Die Zuschauer wollen Show, und die biete ich ihnen", sagt er. „Das Spiel und der Satzgewinn gegen Boll waren der Höhepunkt meiner Laufbahn.“ Ein idealer Zeitpunkt, seine Karriere als Spieler zu beenden? Nicht für den Mann, der stolz ist auf seinen Spitznamen „Nilpferd mit Noppen“. „Diesen Gefallen tue ich denen, die das gerne hätten, bestimmt nicht.“

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