Sport : Noch 15 Sekunden

Wieder ist Jan Ullrich schneller als Lance Armstrong, der das Gelbe Trikot nur knapp verteidigen kann

Hartmut Scherzer

Ax-3 Domaines. Jan Ullrich schaute zurück. Wo war Lance Armstrong, der große Favorit der Tour de France? Der Amerikaner im Gelben Trikot war nicht zu sehen, als der deutsche Radstar über die Ziellinie rollte – wieder hatte Ullrich seinen Konkurrenten hinter sich gelassen. Kraftvoll war Ullrich zwei Kilometer vor dem Ziel auf der 1372 Meter hohen Skistation Ax-3 Domaines in die Pedale getreten – Armstrong konnte nicht folgen. Entfesselt stürmte der Deutsche davon und wurde Etappenzweiter, eine Minute nach dem spanischen Solosieger Carlos Sastre aus dem dänischen Team CSC. Damit bewies Ullrich einen Tag nach dem Triumph im Zeitfahren erneut seine Klasse und verkürzte den Rückstand auf den führenden Armstrong auf nur noch 15 Sekunden.

Der viermalige Tour-Sieger musste die letzten Kraftreserven mobilisieren, um sein Gelbe Trikot zu retten. Im Schlussspurt der 13. Etappe kämpfte er sich auf sieben Sekunden an Ullrich heran. Armstrong wurde schließlich Tagesvierter hinter Haimar Zubeldia. Doch mit der Zeitgutschrift von zwölf Sekunden machte Ullrich am Sonntag insgesamt 19 Sekunden auf Armstrong gut. „Ich habe gesehen, dass Lance nicht mehr kontern konnte“, erzählte Ullrich später. „Da habe ich dann alles gegeben.“ Der deutsche Herausforderer wird von Tag zu Tag stärker, und der Amerikaner ist nicht so fit wie in den vergangenen Jahren, als er die Zeitfahren und die Bergetappen dominierte.

Endlich im Ziel angekommen versuchte Armstrong, sich und anderen seine Schwäche zu erklären. „Ich konnte nicht erwarten, dass ich nach dem für mich so schweren Zeitfahren schnell erhole“, gab Armstrong zu. Dann kniff er die Augen zu und sagte: „Es gibt ja noch viele Chancen.“

Die Entscheidung des mitreißenden Finales hatte der unermüdliche Alexander Winokurow mit einem plötzlichen Antritt eingeleitet. Ullrich reagierte sofort und fuhr zum Telekom-Kapitän auf, ohne dass ihm Armstrong folgen konnte. Winokurow wurde schließlich Fünfter, 17 Sekunden nach Ullrich. Er hat als Dritter des Gesamtklassements jetzt 1:01 Minuten Rückstand zum Gelben Trikot. Die beiden Freunde Ullrich und Winokurow greifen nun gemeinsam Armstrong an.

Auch mit der stärksten Mannschaft im Peloton hatte der Führende die beiden Einzelkämpfer Ullrich und Winokurow nicht abschütteln können. Stattdessen musste Armstrong auf der Strecke mehrmals die Attacken des Basken Iban Mayo kontern. Ullrich und Winokurow, am letzten Berg ohne Helfer, kletterten stets in Tuchfühlung zu Armstrong, der von Beltran und Heras eskortiert wurde. Mühelos hielten beide das Tempo mit, bis Armstrongs Helfern die Puste ausging und auch Mayo zurückfiel. Nun war der US-Postal-Chef schließlich allein. „Man muss Armstrong isolieren“, hatte Winokurow die Taktik der Gegner ausgegeben. „Denn Lance ist zwar immer noch gut, aber nicht mehr so stark.“ Die Taktik ging auf.

„Jan ist sehr gut drauf, er strahlt Selbstbewusstsein aus“, lobte Ullrichs Betreuer, Bianchi-Teamchef Rudy Pevenage. „Jan hatte heute keine Angst, sondern hat Armstrong attackiert.“ So wichtig wie die Sekunden ist die Wirkung im Kopf. Ullrich sagte: „Dieser Tag ist eine neue Motivation für mich.“

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