Sport : Noch 54 Tage

In Athen ist das Leben eine Baustelle, doch nach den Olympischen Spielen wird vieles besser sein

Benedikt Voigt[Athen]

Die Ministerin. Es wird klappen, Fanni Palli-Petralia ist sich ganz sicher. Um auch den Rest der Welt davon zu überzeugen, dass die Rückkehr der Olympischen Spiele nach Athen im August ein großer Erfolg wird, hat die stellvertretende Kulturministerin und Sportstaatssekretärin Griechenlands die Korrespondenten der Stadt in das Panorama-Restaurant „Orizontes“ auf dem Likavitos-Hügel geladen. Nun wechselt die resolute Dame mit den drei schweren Perlenketten um den Hals von Tisch zu Tisch und verbreitet hoch über Athen mit kräftiger Stimme die frohe Botschaft. „Wir haben überhaupt keine Probleme“, sagt Fanni Palli-Petralia und unterstreicht schwungvoll das Wort „keine“ mit einer ausladenden Geste. Ihre linke Hand stößt ein volles Weinglas an, es schwankt gefährlich. Aber es fällt nicht.

Mit den Olympischen Spielen 2004 ist es wie mit dem Weinglas von Frau Fanni Palli-Petralia. Sie wackeln, aber sie fallen nicht. Viel zu spät haben die Griechen begonnen, ihre Wettkampfstätten fertig zu stellen. Nachdem sie 1997 die Spiele zugesprochen bekamen, haben die Griechen drei Jahre weitgehend ungenutzt verstreichen lassen. Doch seit einem Krisengipfel mit dem Internationalen Olympischen Komitee im Jahr 2000, spätestens seit die konservative Partei Nea Demokratia im März dieses Jahres an die Regierung gelangte, sind die Spiele ein nationales Prestigeobjekt von höchster Priorität. Die Baufortschritte nach dem Prinzip des Sirtaki-Tanzes – langsam anfangen und dann immer schneller werden – befinden sich längst in der Phase höchsten Tempos. Die Griechen dürfen auch nicht mehr nachlassen, in 54 Tagen müssen die Spiele eröffnet werden. „Natürlich sind wir spät dran“, gibt die stellvertretende Kulturministerin zu, „aber wir werden pünktlich fertig.“ Natürlich.

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Der Projektleiter. Nikos Louridas klettert in den Bus und bittet um etwas Geduld. Das Olympiagelände Oaka in Maroussi darf noch nicht betreten werden. „Ein Fax ist nicht dort angekommen, wo es sollte, und jetzt muss telefoniert werden“, sagt der hemdsärmlige Projektleiter mit dem weißen Bauhelm und beginnt zu erzählen. Dass es kein Dach über dem Schwimmstadion geben wird, liegt nicht an den Griechen. „Das war nie vorgesehen.“ Der Internationale Schwimmverband hätte das erst nachträglich gefordert. Alles laufe wunderbar. „Wenn wir etwas machen, dann machen wir es schnell.“

Beim Gang über die Baustelle ist sein Optimismus nur schwer zu verstehen. Bauwagen, Bagger, Betonmischmaschinen, Bauschutt, Kräne, Lastwagen. Der Haupteingang besteht aus einem weißen Bogen. Sonst nichts. Das Außengelände ist weitgehend unbefestigt. Die Mittagssonne brennt unerbittlich, doch es gibt weder Bäume noch Dächer, um Schatten zu finden. Hier sollen sich während der Spiele Hunderttausende Besucher aufhalten? Nikos Louridas nennt das „kleinere Probleme“. Und er hat sogar Recht, wenn man das mit dem riesigen Problem vor zwei Wochen vergleicht.

Damals musste der zweite imposante Bügel des Dachs, das der spanische Stararchitekt Santiago Calatrava entwickelt hat, über eine Strecke von 50 Metern zum neuen Olympiastadion geschoben werden. Doch diese kritischste Phase ist überstanden. Nun kümmern sich rund 2000 Arbeiter in 24-Stunden-Schichten um die Fertigstellung des Olympiageländes. Schon jetzt ist klar, dass es einen provisorischen Charakter haben wird und dass bis zur letzen Sekunde gearbeitet werden muss. Nicht nur das. „Wir werden auch während der Spiele arbeiten“, sagt Louridas, „es wird immer etwas zu reparieren geben.“

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Die Dolmetscherin. Ersi Papachrysanthou hat ihre eigene Theorie, warum die Bauarbeiten nur so knapp vor den Spielen fertig werden. „Vielleicht hält das alles nicht so lange“, sagt die Konferenzdolmetscherin. Papachrysanthou zählt zu den Stimmen, die sagen, dass Athen die Olympischen Spiele 2004 vielleicht niemals hätte nehmen dürfen. „Das Land ist zu klein für Olympische Spiele“, sagte die Griechin, die in den Siebzigerjahren in Deutschland studierte. Sie hat gerade den olympiafreundlichen Reden der Regierungsbeamten im Konferenzsaal des Zappeion ihre Stimme geliehen, doch auf dem Flur vertritt sie plötzlich die gegenteilige Meinung. „Ich werde während der Spiele verreisen“, sagt die resolute Dame mit dem grauen Haar.

Als Steuerzahlerin wird sie sich jedoch noch jahrelang mit den Olympischen Spielen beschäftigen müssen. Eine Milliarde Euro kosten allein die Sicherheitsmaßnahmen, laut Regierung soll sich der Betrag für den Bau der Sportstätten und die Infrastruktur auf sechs Milliarden belaufen. Die griechische Presse rechnet mit zehn Milliarden. Wie sagte die Sportstaatssekretärin auf dem Likavitos-Hügel? „Diese Spiele haben nur einen Sponsor, und das ist das griechische Volk.“

Das Volk Athens hat es nicht leicht in diesen Tagen. „Das Leben ist zur Hölle geworden“, sagt Papachrysanthou . Die ganze Stadt sei eine riesige Baustelle. „Hier buddeln sie etwas auf, lassen es stehen, gehen weiter, reißen dort etwas auf – man wird hier verrückt.“

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Der Bürgermeister. Auch im Rathaus am Kotzia-Platz wird gebaut. Die Besucher müssen sich im Erdgeschoss zwischen aufeinander gestapelten Stühlen und Tischen einen Weg bahnen. Plastikplanen schützen das Interieur vor dem Staub. Der stellvertretende Bürgermeister Theodoros Skylakakis muss seine Besucher im Sitzungssaal der Stadt empfangen.

Aber er kann gute Nachrichten verkünden. Die chaotische Fünf-Millionen-Metropole wird nach den Spielen für Einwohner und Touristen ein gutes Stück lebenswerter sein, davon ist Skylakakis überzeugt. „Vieles wäre in zehn bis 15 Jahren ohnehin passiert, aber jetzt haben wir es heute schon.“ Nun verbindet eine neue Fußgängerzone unterhalb der Akropolis die archäologischen Stätten, zahlreiche überdimensionierte Werbeplakate sind verschwunden, 1500 historische Gebäude sind renoviert, Gehwege und Straßen sind neu asphaltiert. Das wichtigste Projekt aber ist die Umerziehung der autoverrückten Athener.

„Unser größtes Problem ist der Verkehr, weil 60 Prozent aller Athener mit dem Auto fahren“, sagt Skylakakis. „wir wollen manche von ihnen ermutigen, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen.“ Darunter versteht er vor allem die neue U-Bahn, die inzwischen so weit ausgebaut ist, dass sie diesen Namen auch verdient. Während der Olympischen Spiele werden die Athener sie nutzen müssen, denn mit dem Auto werden sie in dieser Zeit nicht weit kommen. „Wir wollen die Menschen überzeugen, dass sie auch nach den Spielen öffentliche Transportmittel benutzen“, sagt Skylakakis, „das ist ein großes soziales Experiment.“

Dann entlässt er seine Besucher durch die Baustelle im Erdgeschoss. Was passiert dort eigentlich? „Das Büro der Bürgermeisterin wird renoviert“, erklärt Skylakakis, „aber bis zu den Spielen sind wir damit fertig.“ Er hätte den letzten Satz gar nicht mehr sagen müssen.

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