Sport : Noch ein Anfang

Beim 1:1 gegen Brasilien überzeugt die deutsche Nationalmannschaft durch mutiges Offensivspiel

Michael Rosentritt

Berlin - Irgendwann in der ersten Halbzeit drehten sich Jürgen Klinsmann und Joachim Löw gleichzeitig ihren Feldspielern zu. Synchron ballte das neue Trainergespann der deutschen Fußballnationalmannschaft die Hände und forderte die Spieler zum kämpfen auf. „Wir schaffen das nur gemeinsam“, sollte das wohl auch bedeuten, und tatsächlich gelang gestern im Berliner Olympiastadion ein schönes Gemeinschaftswerk. Beim 1:1 (1:1) im Freundschaftsspiel gegen Brasilien bejubelten 74 315 Zuschauer ein ansehnliches Fußballspiel, in dem das deutsche Team lange Zeit muntere Offensivqualitäten zeigte. Auch die brasilianischen Nationalspieler trugen ihren Teil zu dem gelungenen Fußballabend bei, indem sie die deutsche Abwehr nicht über Gebühr beschäftigte.

Zu Beginn funktionierte das Konzept gut, das sich Jürgen Klinsmann ausgedacht hatte – neun Minuten lang. Mit Pressing verhinderte das deutsche Team, dass die Brasilianer sich dem deutschen Strafraum näherten. Doch nach neun Minuten patzte Frank Fahrenhorst innerhalb weniger Sekunden zweimal. Der Innenverteidiger von Werder Bremen konnte nach seinem Fehlpass Brasiliens Mittelfeldspieler Edu an der Strafraumgrenze nur mit einem Foul stoppen. Dann sah auch Torwart Oliver Kahn schlecht aus. Während alles damit rechnete, dass Roberto Carlos einen seiner gefürchteten Freistöße schießen würde, zirkelte Ronaldinho den Ball mit zwei Schritten Anlauf zum 0:1 ins Netz. Kahn nahm den Treffer regungslos hin.

Die deutsche Innenverteidigung bestand aus einem mutigen Experiment. Klinsmann vertraute gegen den fünfmaligen Weltmeister neben Fahrenhorst, der in seinem zweitem Länderspiel die größte Schwachstelle der deutschen Mannschaft war, dem Debütanten Robert Huth. „Ich sehe in ihm einen Kerl mit ungeheurem Potenzial“, sagte Klinsmann. Der Berliner zählt bei seinem Klub FC Chelsea nicht zur Stammformation, doch er machte seine Sache gegen Adriano von Inter Mailand sehr gut.

Der frühe Gegentreffer hatte das deutsche Team nur kurz irritiert. Dann profitierte Kevin Kuranyi von Thorsten Frings’ abgefälschten Schuss, der ihm auf die Brust tropfte. Freistehend konnte der Angreifer vom VfB Stuttgart den Ball annehmen und mit rechts an Torwart Julio Cesar zum Ausgleich ins Tor schieben. Es war ein Traum für Kuranyi, der 14 Jahre lang in Brasilien gelebt hat, gegen die Seleçao ein Tor zu schießen. Nach 17 Minuten hatte sich dieser bereits erfüllt. Kuranyi profitiert offenbar von dem Vertrauen, das ihm das neue Trainergespann entgegenbringt. Bei Klinsmanns Debüt in Österreich (3:1) hatte der 22-Jährige alle drei Treffer erzielt. Sechs der letzten acht Tore der deutschen Nationalmannschaft schoss der Deutsch-Brasilianer.

Der Ausgleich ermunterte das deutsche Team zur Offensive. „Wir haben unseren Respekt abgelegt“, sagte Löw in der Halbzeitpause. Nach dem Seitenwechsel blieb das deutsche Team druckvoll, Julio Cesar musste einen Freistoß von Sebastian Deisler mit der Faust abwehren. Dann zeigte Ronaldo bei einem Konter sein Können. Mit einigen Übersteigern verwirrte der Stürmer von Real Madrid seinen Gegenspieler Fahrenhorst endgültig – und schoss den Ball mit links übers Tor.

Doch plötzlich verlor das Spiel an Fahr – womöglich auch, weil beide Mannschaften zu wechseln begannen. Brasiliens Trainer Carlos Alberto Parreira schickte vier neue Spieler aufs Feld, Klinsmann tauschte zunächst nur Miroslav Klose gegen Gerald Asamoah. Der zuletzt so erfolglose Stürmer von Werder Bremer musste sich bei seiner Einwechslung Pfiffe gefallen lassen.

Mit dem nachlassenden Tempo kamen die Brasilianer wieder besser in das Spiel. Erst hatte Kahn Glück, dass Juan eine Flanke freistehend nur über das Tor trat. Dann musste er in höchster Not per Fußabwehr klären. Kurz vor Spielschluss schickte Klinsmann noch den Münchner Andreas Görlitz zu seinem ersten Länderspiel aufs Feld. Er zeigte damit auch, wie dieses Spiel gegen Brasilien zu werten ist: als weiterer Anfang.

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