Sport : Noch ein neuer Stürmer

Bayerns Verteidiger Lucio darf wieder nach vorne

Michael Neudecker

München - Es ist noch gar nicht so lange her, da hat die Münchner Arena komische Geräusche gemacht, wenn der Fußballspieler Lucio ein paar Meter mit dem Ball gelaufen ist. „Ooohhh“, hat die Arena gemacht, immer lauter, immer sorgenvoller, und Lucio, er hat den Ball dann ganz schnell wieder abgegeben und ist zurückgelaufen, nach hinten, dahin, wo er hingehört, wie sie in München sagen. Der Abwehrspieler des FC Bayern hatte es nicht leicht zu Beginn dieser Saison: Leistungsträger und Stammspieler zwar, aber doch immer wieder gescholten, von Trainer Ottmar Hitzfeld, von den Fans, den Journalisten. Weil er oft vergaß, dass er ja Verteidiger ist und nicht Mittelfeldmotor – und weil er deshalb oft durch Fehler und Ballverluste auffiel, nach denen er hinten fehlte. Doch das ist Vergangenheit, so scheint es.

Am Mittwochabend, beim 3:1-Sieg der Bayern im Pokal gegen Borussia Mönchengladbach, da ist er zwei-, vielleicht dreimal nach vorne gelaufen, und keiner hat sich Sorgen gemacht. Die Zeit, in der ihm unter Androhung der Prügelstrafe verboten wurde, die Mitellinie zu überqueren, ist vergessen – weil er gelernt hat, aus seinen Sturmläufen wieder ein taktisches Mittel zu machen, so, wie er es früher getan hat, als er noch bei Bayer Leverkusen spielte.

Einmal spielte Lucio ein paar Gladbacher aus, und dann, kurz vor dem Strafraum, passte er den Ball zu Luca Toni, der dadurch völlig frei vor Gladbachs Torhüter Christofer Heimeroth stand, und als der parierte, da war Lucio schon wieder ein paar Schritte zurückgelaufen, lauernd auf die nächste Chance. Weil die Münchner gut gelaunt waren, hat fast jeder Bayern-Spieler nachher irgendetwas erzählt, Marcell Jansen mit einem Lächeln, Mark van Bommel mit lustigem Augenzwinkern, und Luca Toni mit einer Wollmütze, die wie ein Schlumpfhut auf seinem Kopf saß. Nur Lucio verschwand heimlich und leise – wie immer. Ottmar Hitzfeld hat ihm trotzdem die Kapitänsbinde gegeben, als Oliver Kahn sich verletzte, und vielleicht ist das auch ein Grund für die neue alte Stärke des Brasilianers.

Am Samstag im Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt wird Lucio wieder als Spielführer auflaufen, und er wird wieder nach vorne sprinten. Weil er nicht anders kann, weil er es braucht, um gut spielen zu können. Und: Weil er es darf, endlich wieder. Michael Neudecker

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