Sport : Noch ein Torwartstreit

In Frankreich könnte Herausforderer Coupet den Amtsinhaber Barthez ablösen

Christoph Ruf[Lyon]

Unglücklich war die 1:3-Niederlage beim AC Mailand, vielleicht sogar ungerecht, wie Lyons Trainer Gérard Houllier nach dem Aus in der Champions League fand: „Wir waren Mailand überlegen.“ Zumindest was das Duell der Torhüter betraf, widersprach ihm am Dienstagabend niemand. Während sich Milans Keeper Dida manchen Aussetzer leistete, hielt Grégory Coupet fehlerlos – wie schon seit Monaten. Und wieder einmal war er der Einzige, der sich selbstkritisch zeigte: „Wir waren uns zu sicher, deshalb sind wir selbst schuld.“ Der nette Greg, so scheint es, ist auch außerhalb des Platzes zu einer Persönlichkeit geworden.

Lange Zeit galt der 33-Jährige als farblos. Aber darf man jemandem vorwerfen, dass das Model Linda Evangelista nicht mit ihm, sondern mit seinem Rivalen Fabien Barthez liiert war? Dass er seit 1996 beim selben Verein spielt, unweit seines Geburtsortes Le Puy-en-Velay? Für den Familienmenschen Coupet hat seine Vereinstreue nichts mit Provinzialität zu tun: „Das Ausland reizt mich schon, aber wenn man in der Champions League spielt, muss die Offerte schon sehr attraktiv sein.“

Vermutlich wird Coupet in dieser Saison zum fünften Mal hintereinander mit Olympique Lyon Französischer Meister. In einem Land, in dem die krisengeschüttelten Klubs aus Marseille und Paris die Diskussionen bestimmen, lässt gerade der permanente Erfolg OL langweilig wirken. Erst die Champions League verschaffte Lyon auch außerhalb der Heimatregion Rhône-Alpes Sympathien: Für das Heimspiel gegen Milan hätte der Klub 200 000 Tickets verkaufen können.

Grégory Coupet hatte bereits im Hinspiel gegen Mailand grandios gehalten und so tagelang die Sportseiten gefüllt. Das ist nicht die einzige Parallele zum Zweikampf im deutschen Tor: Während der jeweils jüngere Herausforderer in der Champions League brillierte, hatten sich Kahn und der 34 Jahre alte Barthez mit Olympique Marseille bereits im Achtelfinale aus dem internationalen Wettbewerb verabschiedet. Kahn prellte sich kurz darauf die Rippen, Barthez verletzte sich an der Wade. Auf beiden Seiten des Rheins verfestigte sich daraufhin der Eindruck, dass da zwei verdienstvolle, leicht gebrechliche ältere Herren einen letztlich aussichtslosen Kampf führen.

Bereits im Winter war Coupet vom „Kicker“ und von der französischen Sportzeitung „L’Equipe“ zum besten Torwart Europas gewählt worden. Für Barthez hingegen spricht vor allem das Erinnerungsvermögen der Fans. Der WM-Gewinn 1998 ist im kollektiven Gedächtnis eng mit seinen Paraden verbunden. Selbst wenn er im Formtief war, hielt er bei Länderspielen bravourös. Doch zuletzt zweifelten immer mehr Menschen an dem kantigen Südfranzosen. Zumal sich Barthez in einer mittelmäßigen Marseiller Mannschaft dem Niveau anpasste und nicht mehr die Sicherheit vergangener Tage ausstrahlt. Sein Aussetzer im Februar vorigen Jahres, als er bei einem Freundschaftsspiel in Marokko den Schiedsrichter bespuckt hatte, brachte ihm eine halbjährige Sperre ein. Erst dadurch wurde Coupet zum Nationaltorhüter. Mehr als zwei Drittel der Franzosen wollen, dass das so bleibt.

Seine mit 1,81 Metern überschaubare Körpergröße kompensiert Coupet durch enorme Sprungkraft und Reflexe. Den Strafraum beherrscht er sicherer als mancher Konkurrent den Fünfmeterraum. Fußballerisch sind beide Kontrahenten über jeden Zweifel erhaben. Ende Mai soll die Entscheidung fallen, wer bei der WM im Tor steht. Während zwei Drittel der französischen Profis für Coupet votieren, scheint die Entscheidung des Nationaltrainers Raymond Domenech nach wie vor offen. Manch einer hält es sogar für möglich, dass Domenech auch bei der WM rotieren lässt. Coupet und Barthez, die demonstrativ gut miteinander auskommen, haben signalisiert, dass sie auch eine Entscheidung für den Konkurrenten hinnehmen würden. Hier enden die Parallelen zwischen Deutschland und Frankreich.

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