Sport : Noch einmal die Nummer 1

Die deutsche Torwartlegende Oliver Kahn erhält einen würdigen Abschied aus der Nationalmannschaft

Stefan Hermanns[Stuttgart]

Am Ende des Abends standen Oliver Kahn und Jens Lehmann für einen längeren Augenblick nebeneinander, und sie gaben ein Bild ab, das auch in der Rätselecke erscheinen könnte: Wo ist der Fehler? Beide trugen das gleiche Trikot, auf dem einen stand die Nummer 1 und „Lehmann“ darüber, auf der anderen 12 und „Kahn“. Als Helmut Kohl nach 16 Jahren nicht mehr Bundeskanzler war, hat man in den ersten Wochen nach dem Wort Bundeskanzler automatisch Kohl mitgehört, nicht Schröder. So ist das auch mit der Nummer 1 und Kahn. Seine autobiografisch gefärbte Anleitung zum Ehrgeizigsein hat der Torhüter deshalb einfach „Nummer 1“ genannt.

Oliver Kahn hat in Stuttgart die 12 getragen, die Nummer, die ihm vor der Weltmeisterschaft zugeteilt worden ist, aber er ist noch einmal die Nummer 1 gewesen. Der Helmut Kohl des deutschen Fußballs ist noch einmal für einen Tag auf die Regierungsbank zurückgekehrt. Nach dem Abpfiff trat er dann vor ein Fernsehmikrofon und verkündete, was ohnehin alle vermutet hatten: „Das war mein letztes Länderspiel.“ Den Entschluss hatte Kahn schon in den Tagen zuvor getroffen; gesprochen hat er darüber mit niemandem. „Das muss man halt so akzeptieren“, sagt Oliver Bierhoff, der Manager der Nationalmannschaft. „Er hat ja auch ein gewisses Alter erreicht.“

Vor drei Wochen ist Oliver Kahn 37 geworden, elf Jahre hat er für die Nationalmannschaft gespielt seit seinem Debüt im Juni 1995 in der Schweiz. Adrian Knup hat damals das erste Tor gegen Kahn erzielt, Nuno Gomes gelang am Samstag das letzte. In Erinnerung bleiben wird Oliver Kahn aber vor allem wegen der Tore, die er verhindert hat, gegen Portugal wieder drei oder vier: in der ersten Halbzeit zum Beispiel gegen Pauleta und nach der Pause bei zwei Freistößen von Cristiano Ronaldo und Deco. „Er hat heute gezeigt, dass er sich auf den Punkt genau konzentrieren kann“, sagt Michael Ballack über Kahn. „Das spricht für seine Klasse.“

Es ist so etwas wie Kahns persönliche Tragik, dass Deutschland das WM-Finale verpassen musste, damit er noch einen letzten großen Auftritt bekommen konnte. „Das war der Abschied, den er verdient hat“, sagt Ballack angesichts der Begeisterung im Stadion. Kahn selbst, in dessen Vorstellungswelt ein Spiel um Platz drei noch vor ein paar Jahren nicht existierte, fand, ein besseres letztes Länderspiel könne man sich gar nicht wünschen. „Das hat das Finale 2002 noch getoppt.“

Im Finale 2002 hat Kahn die Niederlage der Deutschen eingeleitet, und er hat immer geglaubt, er werde seinen Fehler 2006 im Endspiel wieder gutmachen und Deutschland zum Weltmeister halten. Dass er diese Gelegenheit nicht mehr bekommen würde, hat er vielleicht erstmals im August 2004 geahnt, als er von Ballack als Kapitän der Nationalmannschaft abgelöst wurde. Es war die erste Personalentscheidung, die Jürgen Klinsmann als Bundestrainer getroffen hat, und sie galt als Indiz dafür, dass Klinsmann Kahns Degradierung von langer Hand vorbereitet hat. Nach all den Verwerfungen im so genannten Torwartstreit war es erstaunlich, wie selbstverständlich Kahn seine neue Rolle ausfüllte. Er lobte Lehmanns Leistungen, und zum Schluss in Stuttgart gaben sie sich kurz die Hand. Kahn sagt, sie seien sich während der WM emotional näher gekommen: „Es wäre schade gewesen, wenn man auseinander geht, und die Dinge wären so geblieben, wie sie gewesen sind.“

Den neuen Oliver Kahn umgibt eine gewisse Altersmilde, und anders als früher, als er für Höchstleistungen ein Stadion voller Feinde benötigte, wird er es vermutlich genießen, dass er künftig bei Auswärtsspielen der Bayern auch gefeiert werden wird. „Er hat großen Anteil an unserem Erfolg“, sagt Ballack. Das Turnier seiner persönlichen Enttäuschung bezeichnete Kahn am Ende als eine der wichtigsten Erfahrungen seines Lebens. Oliver Kahn hat sich immer nur über seinen persönlichen sportlichen Erfolg definiert, doch rechtzeitig vor dem Ende seiner Karriere hat er festgestellt, dass es ein Leben jenseits des Ehrgeizes gibt. „Ich bin mit mir selbst im Reinen“, sagt er.

Nach dem Schlusspfiff sank Kahn auf den Boden. Jens Nowotny kam zu ihm. Beide haben schon in Karlsruhe zusammen gespielt. „Wir haben über die gemeinsamen Tage beim KSC philosophiert“, berichtete Nowotny, „und wie schön es ist, so ein Spiel noch einmal gemeinsam bestritten zu haben.“ Kahns erster Weg führte nicht zu den jubelnden Deutschen, sondern zu Luis Figo, Portugals Star. Er legte seinen Arm um Figos Schulter, dann gingen sie ein paar Meter Arm in Arm über den Platz. Zwei Legenden.

Während der Ehrenrunde der deutschen Mannschaft hatten sich alle Betreuer und Trainer am Spielereingang aufgestellt wie eine Hochzeitsgesellschaft, die am Kirchenportal auf das Brautpaar wartet. Alle Spieler sollten einzeln hindurch und sich noch einmal feiern lassen. Oliver Kahn kam als Erster.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben