Sport : NOK: "Die Struktur stimmt nicht mehr"

Jörg Allmeroth

Gleich am Anfang lehnt sich Walther Tröger nach vorn auf dem Podium im "Deutschen Haus" und schaut ganz entschlossen in den Saal. Fest ist sein Blick, klar die Aussage: "Natürlich sind hier nicht alle unsere Erwartungen erfüllt worden", sagt der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland (NOK), "aber in der Breite der Spitze haben wir eine Fülle erreicht." Alles klar?

Es ist Freitagmittag in Sydney, und der deutsche Funktionärstross geht ans Eingemachte, an die Medaillenzählerei. "Wir haben ja noch zwei Wettkampftage, eigentlich ist es verfrüht, jetzt Bilanz zu ziehen", sagt Norbert Dobeleit, der Sprecher der deutschen Olympia-Mannschaft, zur Einführung, "also, Ihre Bilanz, Herr Tröger."

Umrundet von Rolf Ebeling, dem Chef des Bundesausschusses Leistungssport, von Klaus Steinbach, dem Chef de Mission, und von Heiner Henze, dem NOK-Generalsekretär und Stellvertreter Steinbachs, sagt Tröger, dass man sich von "falschen Vorhersagen hat verleiten lassen", man werde "gemeinsam die Verantwortung tragen" und alle "Ergebnisse genauestens analysieren". Tröger redet so staatstragend, als sei der nationale Notstand wegen ein paar fehlender Medaillen ausgebrochen. Er redet wie ein Politiker, der mit dem Finger auf die böse Presse zeigt. "Die Heimat ist aufgehetzt worden", sagt Tröger, "früh hat man der deutschen Mannschaft das Vertrauen entzogen." Man solle nicht vergessen, "dass es unter den Sportlern glücklicher Weise auch sensible Naturen gibt, die nicht alles so einfach wegstecken." Zu blöd nur, dass sich zwei Wochen lang die Trainer, die Athleten und Funktionäre immer gern zuerst an die gewendet haben, die dicke Schlagzeilen liefern - immer nach dem Motto: Die anderen sind schuld. "Die Verbände werden ehrenamtlich geführt, besitzen professionelle Achsen, aber überall gibt es Probleme. Die Struktur stimmt nicht mehr", sagt Tröger.

In zwei wichtigen Sportarten, dem Schwimmen und dem Schießen, "ist uns gar nichts gelungen". Tröger rechnet weiter durch, wägt die Medaillen ab und kommt darauf, man habe vielleicht zu wenig Gold gewonnen. Die Erklärung, warum man "oft ziemlich weit vorne landet, aber nicht auf Platz eins", könne erst später geliefert werden. Tröger legt die Akte zur Seite: Wiedervorlage daheim. Eingehende Prüfung.

Es redet auch Klaus Steinbach, der ehemalige Weltklasse-Schwimmer. "Die Gastfreundschaft war groß, der Empfang im Dorf warmherzig." Selbst hochbezahlte Profis wie die Tennisspieler und Radfahrer hätten sich mit "großem Selbstverständnis integriert." Doch warum dann die vielen Pannen und Pleiten und das bisschen Pech? "Ich sage Ihnen, ich habe nichts gegen kritische Berichterstattung", sagt Steinbach, "aber ich habe etwas gegen diffamierende Berichterstattung." Er kenne kein anderes Land, "in dem so auf den eigenen Leuten rumgeprügelt wird." Aber man muss dem Chef de Mission ja auch zugute halten, dass er in den letzten beiden Wochen nicht so viele Zeitungen lesen konnte, schon gar keine amerikanischen Blätter. Aus Gesprächen mit vielen Sportlern wisse er, beharrt Steinbach, "dass da einige am Startblock stehen und denken: Was werden die morgen über mich schreiben, wenn ich jetzt versage." Nachdem Steinbach eine Frage, "ob es in der deutschen Mannschaft Touristen gab", kühl mit "Nein" zurückgewiesen hat, teilt er auch noch einen kleinen Seitenhieb auf die Manager bestimmter Athleten aus: "Die Sportler, die keine haben, erscheinen mir am hungrigsten nach Topleistung." Tröger hingegen will Touristen ausgemacht haben. "In Sydney haben teilweise deutsche Familienausflüge stattgefunden. Kinder, Frauen und Eltern der Aktiven waren mit in Australien. Im Olympischen Dorf herrschte ein Wohlleben erster Güte. In total entspannter Atmosphäre kann man keine Medaillen gewinnen."

Schließlich folgt Rolf Ebeling, der oberste Leistungshüter im deutschen Sport. Er berichtet, "dass die Mannschaft in der zweiten Woche gewachsen ist". Warum trotzdem viele Hoffnungen platzten, will der Hesse wissen: "Es gab noch nie so viele verschiedene Nationen, die hier Gold geholt haben, genau 43. Und noch nie so viele, die überhaupt Medaillen geholt haben, nämlich 75." Viele Länder würden sich auf eine Sportart konzentrieren "und dann haben wir unsere Schwierigkeiten". Ansonsten beklagt er, "dass viele gute Platzierungen nicht wahrgenommen wurden in der Presse." Die Athleten, so Ebeling, "sind darüber sehr traurig". Ganz traurig schaut da auch Tröger. Er, der sich nun mal "auf die Medaillenzählerei eingelassen hat".

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