Nordische Ski-WM : Popstar mit Asthmamittel

Norwegens Langlaufheldin Marit Björgen strebt bei der Ski-WM in Oslo fünf Goldmedaillen an. Ihre Landsleute liegen ihr zu Füßen, die Konkurrenz vermutet aber unlautere Hilfsmittel hinter ihren Erfolgen.

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Ski-Springerin. Marit Björgen konnte bereits drei Goldmedaillen bejubeln.
Ski-Springerin. Marit Björgen konnte bereits drei Goldmedaillen bejubeln.Foto: dpa

Das Volk hatte gerufen. „Marit! Marit!“, lärmte es über den Platz, lange bevor sie ihren großen Auftritt haben sollte. Es war in diesen Tagen der nordischen Ski-Weltmeisterschaften das dritte Mal, dass die Norweger bei der Medaillenvergabe in Oslo nach Marit Björgen brüllten. Drei Goldmedaillen hat die Langläuferin bereits gewonnen. Mehr ging auch nicht. Denn die WM hat bisher erst drei Wettbewerbe im Langlaufen für die Frauen bereitgehalten: Sprint, Doppelverfolgung und das Rennen über zehn Kilometer.

Mit drei Siegen hat Norwegens Skistar seine Mission allerdings keineswegs beendet. Fünf Goldmedaillen mögen es doch bitteschön werden, hat sie sich vorgenommen. Ginge es nach dem Volke, würde sie ihre Konkurrentinnen sogar sechsmal zum Narren halten – und einen neuen Rekord in dieser Kategorie aufstellen. Die Russin Jelena Wälbe hatte 1997 bei der WM in Trondheim fünfmal gewonnen. Sechs Erfolge aber erscheinen selbst Norwegens erfolgreichster Wintersportlerin ein bisschen zu viel des Guten. Den Teamsprint am heutigen Mittwoch (14.15 Uhr, ZDF und Eurosport) wird die 30-Jährige auslassen, weil die Kraft irgendwann auch mal aufgebraucht sein wird. „Ich habe hart gearbeitet und muss aufpassen, dass ich es mir richtig einteile“, sagt sie. Lieber ein Rennen weniger und dafür in jedem Rennen Gold, lautet die Devise.

Schon beim 10-Kilometerlauf ging Björgen im Schlussspurt so sehr an ihre körperlichen Grenzen, dass sie im Zielbereich „nicht mehr denken konnte“ wie die Norwegerin sagte. „Als die Betreuer behaupteten, ich liege in Führung, hielt ich das für einen Spaß.“ Dass eine Heim-WM nicht nur spaßig ist, hat Björgen inzwischen gelernt. „Es geht hier nicht nur um das Rennen an sich“, sagt ihr Trainer Egil Kristiansen. „Es ist das ganze Drumherum bei einer Goldmedaille, das sehr belastend ist.“ Zum Beispiel das Tamtam rund um die Medaillenzeremonie in der Innenstadt Oslos.

Das Schauspiel am Montagabend erinnerte an ein Musikkonzert. Vor der Bühne drängelten sich die Massen, weiter hinten kletterten die Menschen auf selbst gebastelte Schneehügelchen, Bierkästen und Absperrgitter, um wenigstens einen Blick auf die Frau in der goldenen Daunenjacke zu erhaschen. Als Björgen danach auf dem Weg zum nächsten Interviewtermin den Hinterausgang nahm, warteten dort die Fans mit Foto- und Autogrammwünschen. Marit Björgen wird in Norwegen gefeiert wie ein Popstar. Nicht nur, weil sie vor einem Jahr von den Olympischen Spielen dreimal Gold, einmal Silber und einmal Bronze mit nach Hause brachte. Sondern vor allem, weil sie dabei bescheiden und nahbar bleibt.

Kein anderer Sportler reißt die Norweger so mit wie sie – auch nicht Petter Northug. Norwegens männliches Pendant zu Björgen mag in der Loipe zwar ähnliche Leistungen erbringen, sein Auftreten allerdings passt manchem so gar nicht. Anders als die stets zuvorkommenden Helden der Vergangenheit wie Björn Dählie gibt sich Northug keck und frech – viele verschreckt seine zuweilen große Klappe. Im Falle von Marit Björgen aber reißen höchstens die Gegnerinnen Sprüche.

Wiederholt warf man ihr in Oslo vor, die Siege nur mithilfe eines Asthmamittels einzufahren, für das sie beim Internationalen Skiverband eine Ausnahmegenehmigung erwirkt hat – das Mittel steht auf der Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur. „Marit weiß, dass sie ohne Hilfsmittel nicht viel zu bieten hätte“, hatte ihre Konkurrentin, die Polin Justyna Kowalczyk, vor einem Jahr gesagt. Die Tatsache, dass Björgen vor einigen Jahren eine längere Schwächeperiode hatte und 2009 bei der WM in Liberec als beste Platzierung einen neunten Rang aufwies, entkräften die Anschuldigungen nicht unbedingt.

Björgens Betreuer erklären die Leistungssteigerung dagegen mit verändertem Training. Und das norwegische Volk weiß Björgen sowieso hinter sich. Die Atmosphäre am Holmenkollen sei unglaublich, sagt sie. „So etwas Aufregendes habe ich noch nie erlebt.“ Gar nicht unwahrscheinlich, dass es bald noch aufregender wird. Wenn sie am Donnerstag mit Norwegens Staffel und am Samstag über 30 Kilometer auch noch Gold gewinnt.

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