Norwegens Fußball : Per Skjelbred von Hertha BSC: "Ich bin der alte Sack"

Norwegen, Deutschlands Gegner in der WM-Qualifikation, war in den 90ern mal Erster der Weltrangliste. Dann kam der Absturz. Was sich seitdem getan hat, beschreibt Kapitän Per Skjelbred.

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Tonangebend. Norwegens Teamkapitän Per Skjelbred neben Nationaltrainer Per-Mathias Hogmo.
Tonangebend. Norwegens Teamkapitän Per Skjelbred neben Nationaltrainer Per-Mathias Hogmo.Foto: AFP

Herr Skjelbred, wissen Sie, was am 19. November 1993 war?

1993? Nee, was war da?

Da war Norwegen die Nummer eins der Fifa-Weltrangliste.

Unglaublich, oder? In den neunziger Jahren war Norwegen richtig gut – viel besser als jetzt. Wir waren bei den großen Turnieren dabei, 1994 bei der WM in den USA, 1998 in Frankreich, 2000 bei der Europameisterschaft. Die norwegischen Spieler hatten das internationale Niveau einfach drin. Inzwischen haben viele Nationen aufgeholt. Laufen können die sowieso, aber die können auch besser Fußball spielen, weil sie mehr mit dem Ball trainieren. Wir müssen ein bisschen neu anfangen. Das ist spannend.

Haben die Norweger die Entwicklung verschlafen?

Wir haben einfach die Philosophie weiterverfolgt, mit der wir erfolgreich waren. Andere Länder haben sich mehr aufs Fußballspielen konzentriert, während wir weiter lange Bälle geschlagen haben, um möglichst schnell nach vorne zu kommen. Aber andere Nationen haben auch große Spieler, die kämpfen und köpfen können.

Verantwortlich für die Erfolge in den Neunzigern war Egil Olsen, der von 2009 bis 2013 ein zweites Mal Nationaltrainer war.

Ein überragender Trainer. Er hat die Idee vertreten: Du musst den Blick immer nach vorne richten, und wenn du mit drei, vier Kontakten vor das gegnerische Tor kommst, ist es besser als mit 20 Kontakten. Aber der Fußball entwickelt sich, du musst dich anpassen. Olsen hat versucht, die Mannschaft ein bisschen mehr Fußball spielen zu lassen. Wir waren immer nah dran, aber es hat leider lange nicht mehr geklappt.

Vor 16 Jahren hat sich Norwegen zuletzt für ein großes Turnier qualifiziert. Und jetzt bekommen Sie es in der WM-Qualifikation mit Deutschland zu tun.

Wir freuen uns. Deutschland ist ein guter Gegner, zu Hause in Norwegen, das Stadion ist voll. Und ich hoffe, dass wir eine gute Leistung bringen können, obwohl wir nur ein paar Tage Vorbereitung hatten. Das ist wie in der Bundesliga, du musst schnell deinen Rhythmus finden.

Hilft es, dass Sie sofort gegen Deutschland spielen?

Das kann tatsächlich ein kleiner Vorteil sein. Ich hoffe, dass die Deutschen noch nicht so im Fluss sind und wir ihnen ein paar Probleme bereiten können. Wir sind auf jeden Fall positiv. Selbst wenn wir sonst nichts könnten – das können wir.

Worauf müssen sich die Deutschen in Oslo sonst noch einstellen?

Wir haben unser System, und ich hoffe, dass wir das auch gegen einen so guten Gegner durchziehen können. Natürlich müssen wir uns ein bisschen anpassen. Gegen die Deutschen werden wir mehr als sonst für die Defensive tun müssen. Aber wir wollen auch nach vorne spielen.

Wie hat sich die norwegische Mannschaft unter dem neuen Nationaltrainer Per-Mathias Högmo verändert?

Der Trainer hat in den vergangenen drei Jahren viel für den norwegischen Fußball getan. Er will, dass wir mehr Fußball spielen, nicht nur rennen und kämpfen. Früher war es ein Problem, dass viele Ausländer in der Liga gespielt haben und junge norwegische Spieler keine Chance bekommen haben. Das ist jetzt ganz anders. Wir haben viele junge Leute, gute Leute, kreative Leute. Unsere U 21 ist 2013 EM-Dritter geworden, und viele von den Jungs sind jetzt Stammspieler in der Nationalmannschaft. Der Trainer hat keine Angst, er schmeißt die Jungs einfach rein.

Tut der Verband genug, damit der norwegische Fußball wieder besser wird?

Der Verband tut viele Dinge. Er hat seine Leute immer wieder ins Ausland geschickt, um zu sehen, was in Deutschland gemacht wird, in Island, in Spanien. Der Verband investiert viel. Als ich jung war, hat man ein halbes Jahr Fußball gespielt und ein halbes Jahr Handball – in der Halle. Das ändert sich gerade. Es gibt überall Kunstrasenplätze, es gibt Hallen, so dass wir jeden Tag 24 Stunden lang trainieren können – egal ob Sommer oder Winter. Und es gibt auch im jüngeren Nachwuchs jetzt mehr lizenzierte Trainer. Das merkt man bei der jungen Generation, die auf Kunstrasen groß geworden ist: Die Jungs haben eine extreme Technik, weil sie einfach viel mehr Stunden mit dem Ball trainiert haben und bessere Trainer hatten.

Das größte Talent Norwegens ist Martin Ödegaard, der bei Real Madrid unter Vertrag steht. Waren Sie überrascht, dass er für das Spiel gegen Deutschland nicht nominiert worden ist?

Das hängt einfach mit seiner Situation zusammen. Er wollte sich eigentlich zu Stade Rennes ausleihen lassen, jetzt bleibt er doch bei Real. Martin will einfach ein bisschen Ruhe haben. Im Training sieht man, dass er überragende Qualitäten hat. Aber er ist erst 17. Das dauert ein bisschen, bis er auch den letzten Schritt in den Männerfußball macht. Wenn er zu uns kommt, hat er keinerlei Superstarallüren. Er ist total nett und locker, macht einen ordentlichen Job und ist sehr professionell. Martin schafft das bestimmt. Er hat ja auch noch viel Zeit.

Welche Rolle spielen Sie, mit inzwischen 29 Jahren und als Kapitän?

Ich bin momentan der alte Sack. Aber es ist immer schön, zur Nationalmannschaft zu fahren. Eine super Truppe, nette Leute einfach. Schade, dass es gegen Ungarn in den EM-Play-offs nicht geklappt hat. Aber im Fußball ist es nicht immer so einfach, wie man denkt. Inzwischen sind alle Länder gut, nicht mehr nur die großen. Das haben wir leider auch erfahren.

Haben Sie die EM trotzdem intensiv verfolgt? Oder hat das zu sehr geschmerzt?

Dass Ungarn es so gut gemacht hat, war ein bisschen bitter. Aber die haben bei der EM überragende Spiele gemacht und allen gezeigt, dass sie eine gute Mannschaft sind. Nicht nur der norwegischen Presse. Bei uns haben alle vor den Play-offs gesagt: Ungarn? Das wird ein Spaziergang, das müssen wir gewinnen. Ich finde auch, dass wir eine große Chance hatten. Aber die Ungarn waren besser als wir.

Haben Sie sich bei der EM manchmal gefragt: Was macht Island besser als wir?

Island macht viele Dinge gut. Die haben in der Jugend überragende Trainer, die auch gut bezahlt werden. Vor allem haben sie einen Plan. Die Isländer sind gierig, ihre Mentalität ist sehr gut. Die schaffen es auf dieser Insel immer wieder, sehr gute Spieler herauszubringen. Und momentan haben sie einen besonders guten Jahrgang.

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